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16.05.2008 Ärzte, Geistliche, Hochschulprofessoren … und Lehrer?

Das Berufsprestige des Lehrerberufs im Spiegel der öffentlichen Meinung
von Martin Rothland
Das „Lehrer-Hasser-Buch“ von Lotte Kühn alias Gerlinde Unverzagt hat offenbar bestätigt, was Lehrerinnen und Lehrer seit Jahrzehnten feststellen und beklagen: Dem Lehrerberuf fehlt es in Deutschland an öffentlicher Wertschätzung und Anerkennung. Insbesondere die brei-te Zustimmung, auf die die wütende Abrechnung in der deutschen Öffentlichkeit traf, scheint das durchaus traditionsreiche Negativ-image einer ganzen Berufsgruppe zu bestätigen.

Seitenabschnitte:
Ergebnisse der Meinungsforschung
Widersprüche
Lehrerberuf, Lehrerhandeln und Lehrpersonen
Literatur:
Der Autor:

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Ergebnisse der Meinungsforschung

Diesem Negativimage stehen nun nicht nur die hehren Erwartungen und wachsenden Ansprüche an die Lehrkräfte gegenüber. Vielmehr deuten die jüngeren Ergebnisse der Meinungsforschung darauf hin, dass der Lehrerberuf in Deutschland ein vergleichsweise höheres Ansehen genießt als von den Berufsinhabern selbst wahrgenommen wird und die Diskussion und Zustimmung zu einer Veröffentlichung wie dem „Lehrer-Hasser-Buch“ glauben macht.
Das Allensbacher Institut für Demoskopie hat eine bemerkenswerte Entwicklung für das öffentliche Ansehen insbesondere des Grund-schullehrerberufs dokumentieren können. Seit dem Jahr 1966 wird von dieser Stelle aus in einem mehrjährigen Rhythmus eine Befragung zum Ansehen ausgewählter Berufsgruppen in der Bevölkerung durchgeführt. Den Teilnehmern wird eine Liste mit Berufen vorgelegt und sie werden gebeten, vier bis fünf zu benennen, die sie am meisten schätzen und achten. Für das öffentliche Ansehen des Lehrerberufs (unterschieden bis 1991 nach „Volksschullehrern“ und Studienräten, danach Grundschullehrer und Studienräte) ergibt sich für den Zeitraum von 1966 bis 2008 die folgende Entwicklung (vgl. Abb. 1 in der pdf-Fassung):

Deutlich ist ein Prestigeverlust der Studienräte aber auch der Volks- bzw. Grundschullehrer seit den 1960er-Jahren zu beobachten. Bemerkenswert erscheinen die schulformbezogenen Unterschiede zwischen den beiden Lehrergruppen: So liegen die Werte der Volksschullehrer/Grundschullehrer seit Beginn der Erhebungen (mit Ausnahme der Befragung von 1975 und 1988) fast immer deutlich über denen der Studienräte. Und der Negativtrend der Grundschullehrer wird mit der Befragung aus dem Jahre 1991 unterbrochen – ihr Prestige steigt bis zum Jahre 2001 deutlich an, während das öffentliche Ansehen der Studienräte weiter abfällt. Im Vergleich von 18 ausgewählten Berufen rangieren die Studienräte 2001 abgeschlagen auf Rang 14 mit nur 12%, während 28% den Grundschullehrerberuf in besonderem Maße schätzen, der auf Rang 6 hinter den Ärzten, Pfarrern/Geistlichen, Hochschulprofessoren, Rechtsanwälten, Unternehmern liegt. Im Jahr 2003 behauptet der Grundschullehrerberuf seinen Rang mit 27%, während die Studienräte sich um einen Rang auf den Platz 13 mit 14% verbessern können (Allensbacher Berichte 2003 Nr. 7, S. 2).
2005 rangiert der Lehrerberuf auf der Berufs-Prestige Skala des Allensbacher Instituts für Demoskopie mit 31% Zustimmung auf Rang 6 von insgesamt 22 Berufen. Anzumerken ist, dass in der Skala 2005 nicht nach Grundschul- und Gymnasiallehrern differenziert wurde (Allensbacher Berichte 2005, Nr. 12, S. 2). Umso bemerkenswerter erscheint es, dass ohne Differenzierung nach Schulformen der Lehrerberuf insgesamt so gut abschneidet, während in den vorhergehenden Untersuchungen nur die Lehrkräfte an Grundschulen in zunehmendem Maße ein höheres Ansehen genossen. Dieser letztgenannte positive Trend setzt sich mit Blick auf die Grundschullehrkräfte auch aktuell in der Berufs-Prestige-Skala 2008 fort: Sie belegen mit 33 % Zustimmung nunmehr hinter den Ärzten, Geistlichen und Hochschullehrern den vierten Platz, während die Studienräte den 14. Platz einnehmen (14%) (Allensbacher Berichte 2008 Nr. 2, S. 2).

Widersprüche

Lässt sich aus der Allensbacher der Berufs-Prestige-Skalen nun ablesen, dass der Lehrerberuf insgesamt (vgl. Allensbacher Berichte 20005 Nr. 12), zumindest aber der Grundschullehrerberuf in der öffentlichen Meinung rehabilitiert ist und ein hohes Ansehen sowie die entsprechende Wertschätzung genießt? Wie lassen sich die Gleichzeitigkeit von harscher Kritik („Lehrer-Hasser-Buch“) insbesondere an Grundschullehrkräften nebst breiter Zustimmung in der Öffentlichkeit und das vergleichsweise gehobene Ansehen, das diese der Meinungsforschung zufolge genießen, erklären?
Zwei Aspekte sind es, die gegen eine allzu positive Auslegung der Umfrageergebnisse sprechen:
Denn in den Meinungsumfragen geht es (1.) abstrakt um den Beruf des (Grundschul)Lehrers an sich, dessen gesellschaftliche Bedeutung und Funktion – und kaum jemand wird dem Lehrerberuf seine gesellschaftliche Relevanz absprechen, genau sowenig, wie der Beruf des Lehrers allgemein in der Öffentlichkeit als einfach angesehen wird (74% der Befragten sind in einer Erhebung des Allensbacher Instituts der Meinung, dass der Lehrerberuf ein schwerer Beruf ist; siehe Allensbacher Berichte 2002, Nr. 17, S. 3). Mit dem Prestige, das eine bestimmte Berufsgruppe genießt, wird denn auch die Wertschätzung gemeint, die dem Beruf entgegengebracht wird. Es geht prinzipiell nicht um die Anerkennung einzelner, konkreter Persönlichkeiten oder die Bewertung individuellen Handelns und Verhaltens.
Das bedeutet aber, dass die Anerkennung vor allem des Grundschullehrerberufes, seiner Bedeutung und auch seiner zentralen gesellschaftlichen Funktion, nicht unmittelbar dazu führt, dass die Berufsinhaber nun auch tatsächlich die Akzeptanz und Wertschätzung ihres Handelns erfahren. Denn der Bewertung einer Berufsgruppe allgemein und der Anforderungen, die speziell der Lehrerberuf grundsätzlich mit sich bringt, stehen die individuellen Erfahrungen mit konkreten Lehrpersonen in der Vergangenheit und Gegenwart gegenüber, also Erfahrungen mit den eigenen Lehrern, die jeder macht, den Lehrern der eigenen Kinder etc. Diese konkreten Erfahrungen, auf denen das Bild des Lehrers als Berufsinhaber basieren, sind in der Regel ambivalent und hoch emotional geprägt. Verletzungen und Enttäuschungen aus der eigenen Schulzeit, enttäuschte Hoffnungen auf schulischen Erfolg der eigenen Kinder – all diese Aspekte können das Ansehen der Berufsinhaber prägen. Dieses konkrete und höchst dauerhafte Bild des Lehrers unterscheidet sich deutlich von einer vergleichenden Bewertung, die sich auf einen Beruf allgemein bezieht. Denn auf der Ebene der Beurteilung und des Ansehens des konkreten Berufshandelns und der Berufsinhaber fallen Aspekte des Berufes verstärkt ins Gewicht, die allgemein von der Aufgabe und den Berufsbedingungen abstrahieren und eher an das verbreitete (Erfahrungs-)Wissen über den Lehrerberuf, die vermeintlichen Ei-genheiten der Berufsinhaber sowie die kolportierten berufsspezifi-schen Privilegien anschließen.

Lehrerberuf, Lehrerhandeln und Lehrpersonen

Bei der Interpretation der Umfrageergebnisse spielt die Trennung von Lehrerberuf, Lehrerhandeln und Lehrerpersonen also eine ent-scheidende Rolle. Geht es um den Lehrer oder die Lehrerin als Person, so dominieren in der Gesellschaft und auch in der Berichterstat-tung in den Medien in der Vergangenheit wie in der Gegenwart die gängigen Urteile: Lehrer sind faul, arbeiten wenig, haben viel Freizeit und ebenso viel Ferien etc. Geht es grundsätzlich um den Beruf, seine gesellschaftliche Bedeutung und die Berufstätigkeit unabhängig von den Personen, so wird das Handeln durchaus – wie in den Allensbacher Befragungen, aber auch in der Berichterstattung in den Medien – als anspruchsvoll und schwer wahrgenommen, was sich auch häufig daran zeigt, dass Kritiker von Lehrpersonen, die etwa auf die langen Ferienzeiten verweisen, auf Nachfrage aber keinesfalls mit den Lehrerinnen und Lehrern tauschen würden.
Entscheidend für die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung zum Lehrerberuf aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer selbst ist (2.), dass die Anerkennung des Berufes allgemein und der mit ihm verbundenen schweren Berufsaufgabe für die Berufsinhaber in ihrem Alltag nicht erfahrbar wird, im Gegenteil: die Erhöhung des Stundendeputats, die mangelnde Ausstattung von Schulen, die fehlende konkrete Unterstützung von Seiten der Schuladministration und der Politik trotz entsprechender Rhetorik sind für die Berufsinhaber unmittelbar erfahrbare Maßnahmen und Entwicklungen, die ein erhöhtes Ansehen und die Anerkennung ihrer schwierigen Berufsaufgabe nicht erkennen lassen. Das gestiegene Berufsprestige hat damit keine Entsprechung in konkreten Maßnahmen und Handlungen der Anerken-nung und Unterstützung. Stattdessen werden die Anforderungen immer größer, die Bedingungen für die Berufsausübung aber häufig schlechter.
Die Gleichzeitigkeit von einem berichteten gesteigerten Ansehen insbesondere der Grundschullehrer und -lehrerinnen in der deutschen Öffentlichkeit und der regen Diskussion und Zustimmung, die eine Publikation wie das „Lehrer-Hasser-Buch“ öffentlich erfährt, machen die eigentliche Diskrepanz deutlich. Sie besteht nicht zwischen der öffentlichen Bewertung des Lehrerebrufs und der Einschätzung dieser Wahrnehmung durch die Berufsinhaber selbst, sondern zwischen der abstrakten Beurteilung eines Berufes im Vergleich zu anderen und der Bewertung konkreter Personen sowie zwischen dem Berufsprestige und der praktisch nicht erfahrbaren Wertschätzung und Unterstützung im Berufsalltag.

Literatur:

  • Allensbacher Institut für Demoskopie (2002): Allensbacher Berichte Nr. 17: „Lehrer sind zu lasch“ sagt die Mehrheit der Bevölkerung. Aber die Mehrheit sieht auch, wie schwer es heute ist, Lehrer zu sein. URL: http://www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0217.pdf
  • Allensbacher Institut für Demoskopie (2003): Allensbacher Berichte Nr. 7: Ärzte weiterhin vorn. URL: http://www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0307.pdf
  • Allensbacher Institut für Demoskopie (2005): Allensbacher Berichte Nr. 12: Ärzte vorn. URL: http://www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0512.pdf
  • Allensbacher Institut für Demoskopie (2008): Allensbacher Berichte Nr. 2: Ärzte weiterhin vorn. URL: http://www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0802.pdf
  • Referenztext:
    Rothland, M. (2007): Sind „faule Säcke“ passé? Anmerkungen zur Ambivalenz der öffentlichen Beurteilung von Lehrerberuf, Lehrerhan-deln und Lehrpersonen. In: Die Deutsche Schule 99, S. 175-191.

Der Autor:

  • Dr. Martin Rothland
    Akademischer Rat a.Z.
    Westfälische Wilhelms-Universität Münster
    Institut für Erziehungswissenschaft
    Abteilung I: Schulpädagogik/Schul- und Unterrichtsforschung
    Bispinghof 5/6
    48143 Münster
    Mail: Martin.Rothland at uni-muenster.de

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