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16.07.2007 All die Textilschnäppchen

von Anette Jensen
Stolz öffnet Rentnerin Brigitte F. ihren Kleiderschrank: Die neue Hose ist doch richtig schick – und hat nur 9,99 Euro gekostet. „Aldi“, sagt sie und grinst. Gleich am Mittwoch früh ist sie dorthin gegangen, um noch ein Exemplar zu ergattern; schließlich weiß sie aus Erfahrung, dass manche Artikel schon innerhalb weniger Stunden ausverkauft sind. Auch bei den Telefonaten mit ihrer Tochter spielt das Thema Aldi immer wieder eine Rolle. Erst vergangene Woche hat die ihre vierköpfige Familie für sage und schreibe 52,22 Euro komplett mit Hosen und T-Shirts neu eingekleidet. Zwar müsste ihre Tochter eigentlich gar nicht auf jeden Cent achten – aber man freut sich ja doch über die günstigen Schnäppchen. Und außerdem gibt es bei Aldi manchmal sogar sehr Hochwertiges im Angebot wie Cashmerepullover oder Outdoorjacken.

Seitenabschnitte:
Recherchen in China und Indonesien
Lebensbedingungen der Arbeiterinnen
Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen
Einkasernierung der Arbeiterinnen
Reaktion Aldi
Ziel der Studie

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Recherchen in China und Indonesien

99 Prozent der deutschen Bevölkerung kennen Aldi, 85 Prozent kaufen dort regelmäßig ein. Keineswegs nur Menschen mit schmalem Portemonnaie füllen hier ihren Einkaufswagen; Besserverdienende sind sogar überrepräsentiert. Dass der Discounter der achtgrößte Textileinzelhändler der Republik ist, weiß dagegen kaum jemand. Und noch viel weniger bekannt ist, woher all die Jacken, Hosen, Hemden und Pyjamas kommen, die sich Woche für Woche in den schmucklosen Metallkörben stapeln. Erstmals hat das Südwind-Institut nun intensiv in China und Indonesien recherchiert, unter welchen Bedingungen die Aldi-Kleidung hergestellt wird. „Insbesondere bei chinesischen Zulieferern von Aldi werden grundlegende Arbeitsrechte in einem bisher ungeahnten Ausmaß verletzt,“ heißt es in der gerade veröffentlichten Studie.


Lebensbedingungen der Arbeiterinnen

Die untersuchten Fabriken befinden allesamt in der flachen Provinz Jiangsu, einem der Zentren der chinesischen Textilindustrie.Die Lebensbedingungen der Näherinnen sind trostlos. Zum Beispiel in Betrieb Nummer 2, wo etwa 500 Menschen arbeiten: Die Produktionshalle liegt inmitten eines Feldes am Rande einer neuen Autobahn – in einiger Entfernung steht eine seelenlose Betonsiedlung, wo es weder eine Kneipe noch einen Imbiss gibt. Die Mehrheit der Frauen sind Wanderarbeiterinnen und wohnen in Schlafsälen direkt neben der Fabrik. Auch Jugendliche, die vom Gesetz her noch gar nicht arbeiten dürfen, gehören zur Belegschaft. Morgens um acht müssen sie an der Maschine sitzen – und erst abends um 21 Uhr endet ihr Arbeitstag, nur unterbrochen von zwei Essenspausen. Um 22 Uhr sperrt die Fabrik die Schlafsäle zu.


Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen

Einen schriftlichen Arbeitsvertrag haben viele nicht.Wer aber von sich aus kündigen will, muss um Erlaubnis fragen. Oft passt es den Arbeitgebern nicht, sich neue Leute zu suchen oder er findet so schnell niemanden. Häufig machen auch die Auftraggeber aus Europa oder den USA so viel Druck, dass täglich bis 22 Uhr und am Wochenende manchmal sogar bis 24 Uhr gearbeitet werden muss. Dann verweigert der Chef einfach die Kündigung. Weil alle Betriebe den Lohn erst mit großer Verzögerung auszahlen, können die Arbeiter nicht einfach abhauen. Manchmal werden Frauen sogar mit körperlicher Gewalt davon abgehalten zu gehen. Dann bleibt ihnen nur die Möglichkeit, sich nachts aus den gut bewachten Schlafsälen davonzuschleichen und zu hoffen, dass niemand sie dabei ertappt. Die letzten 20 bis 50 Tage haben sie dann auf jeden Fall umsonst geschuftet.

In manchen Fabriken herrscht die Sieben-Tage-Woche und nur zwei Tage im Monat sind frei. Bis zu 336 Stunden nähen die Arbeiterinnen Mäntel, Blusen, Hosen und T-Shirts – mal für Aldi, mal für Betty Barclay oder Esprit. Trotz extrem vieler Überstunden verdienen viele von ihnen nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn, der sich an einer 40-Stundenwoche orientiert und je nach Region zwischen 480 und 690 Yuan (47 bis 67,50 Euro). Legt man die in China gesetzlich eigentlich vorgeschrieben Überstunden- und Feiertagszuschläge zugrunde, so verdienen Neueingestellte oft gerade einmal ein Drittel dessen, was ihnen zusteht.


Einkasernierung der Arbeiterinnen

Die Unterbringung der Arbeiterinnen in Schlafsälen ermöglicht den Arbeitgebern eine intensive Überwachung der Belegschaft. Wer versucht, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen und darüber auch nur mit den Kolleginnen diskutieren will, muss mit Rausschmiss rechnen. Zugleich dienen die rigiden Einschlusszeiten dazu, Schwangerschaften zu verhindern – denn werdende Mütter können irgendwann den langen Arbeitstag nicht mehr durchhalten und fallen anschließend eine Weile ganz aus. Dem chinesischen Recht entspricht all dieses nicht, doch in der Praxis werden die Gesetze einfach übergangen.


Reaktion Aldi

Aldi hat bereits auf die Vorwürfe reagiert. Es ist „uns selbstverständlich ein wichtiges Anliegen, dass die Produktion von Waren unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen erfolgt“, behauptet die Einkaufsabteilung des Unternehmens in einem Brief an Südwind. Zugleich schiebt das Discountunternehmen die Verantwortung auf die Zulieferer: „Wir arbeiten hier im Vertrauen auf die Geschäftspraktiken unserer Partner.“ Vermutlich etwa zehn Textil-Lieferanten sind für Aldi aktiv.


Ziel der Studie

Ziel der Südwind-Studie ist nicht, dass Aldi seine Beziehungen zu den bisherigen Lieferbetrieben kappt, um so aus der Schusslinie zu kommen „Ziel muss es sein, dass Aldi sich verbindlich auf einen Verhaltenskodex festlegt, menschenwürdige Arbeitsbedingungen in seinen Zulieferfabriken zu verlangen“, fordert ver.di-Vizechefin Margret Mönig-Raane im Vorwort der Broschüre. Das werden die Aldi-Besitzer Karl und Theo Albrecht, die mit 30 Milliarden Euro Vermögen die reichsten Männer Deutschlands sind, nicht ohne öffentlichen Druck tun. Deshalb soll die Kundschaft mit Flugblättern und Straßentheater vor Aldi-Filialen informiert werden. Und ist eine schicke Hose für 11,99 Euro nicht immer noch spottbillig?

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