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16.09.2009 Arbeitsbelastung in der Grundschule

Das Gespräch führte Wilfried Meyer
Beschreib doch vielleicht mal einen Schultag?!
Der Tag beginnt schon vor 8 Uhr, weil es einige Absprachen bzg. der Arbeit gibt. Zum Teil müssen Arbeitsmaterialien kopiert werden, es gibt aber nur einen Kopierer. Das erschwert die Vorbereitung. Die Kinder haben einen Platz zum Warten, dort wird man oft schon in Gespräche mit Eltern verwickelt. In der Klasse angekommen, haben wir einen offenen Anfang. Hier werden organisatorische Dinge erledigt wie Gelder einsammeln, Briefe einsammeln und austeilen, Hausaufgaben betreuen. Einige Kinder brauchen für solche Aufgaben aber zig Aufforderungen und selbst dann ist nicht sicher, dass es erledigt wird.
Der Deutschunterricht beginnt, zur Vorbereitung eines Projektes sollen die Kinder einen kleinen Text dazu schreiben. Acht Kinder haben ihr Heft nicht mehr, nicht dabei, verloren, verlegt. Da muss dann überlegt werden wie es weitergehen soll. Das muss dann in`s Merkheft, damit sie mit den Eltern zuhause suchen können. Das dauert dann wieder einige Zeit, oft bis in die größere Pause hinein.
Zwischendurch wollen die, die gearbeitet haben, dies zeigen und bewertet haben.
Dauerbrenner währenddessen ist die Herstellung einer Ruhe, die zum Arbeiten gebraucht wird. Das ist Schwerstarbeit.
Warum ?
Einmal gibt es viele Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten, die nicht merken, wenn sie laut sind und nur kurzfristig auf Signale wie Ampel, Glöckchen, Ermahnungen reagieren.
Zweitens entziehen sich Kinder auch ihrer Aufgaben, in dem sie andere Dinge tun, die sie ablenken.
Wie denkst du, kommt es zu den vielen Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten ?
Das hat sicher vielschichtige Gründe, aber einige sind Medienkonsum, unstrukturiertes Alltagsleben, Traumatisierungen, problematische Schwangerschaften. Ich denke auch, dass viele Eltern mit der Erziehung überfordert sind. Kommt das zusammen, dann wird es eben schwierig z.B.mit der Wahrnehmung. Sie sehen, hören und fühlen nicht wie andere Kinder und als Lehrerin bist du dann damit doppelt und dreifach beschäftigt. Und das macht Unterricht dann sehr anstrengend, weil die ständige Wiederholung auch Energie abzapft und man denkt oft, dass man auf der Stelle tritt und nicht vorwärts kommt.

Würdest du bestätigen, dass diese Kinder 1-2 Jahre zurück sind, wenn man es an den Anforderungen für Klasse drei und vier misst ?
Bei vielen Kindern ja, und das macht Stress, weil wir ja die Verantwortung für die Leistungen haben. Viele Kinder haben sicher mehr Potenzial, aber unter den gegebenen Bedingungen ist es nicht ausreichend zu entwickeln. Das frustriert auch.
Welche Bedingungen müsstest du haben ?
Mehr Zeit zum Lernen und kleinere Gruppen, also Halbgruppen. Und nicht eine frühe Selektion nach Klasse 4, das erhöht den Druck noch einmal. Die Auswirkungen sieht man auch direkt, weil psychosomatische Erkrankungen auch bei den Kleinen schon zunehmen.
Gibt es noch andere Belastungen, die du spürst ?
Es fehlt oft Zeit und Muße auch inhaltlich mehr zu entwickeln. Ideen gibt es viele, aber es scheitert oft an der Zeit für die Umsetzung. Das betrifft auch die Schulorganisation. Teamarbeit und Elternarbeit erfordern viel Kraft. Wenige Eltern arbeiten aktiv mit, Eltern von schwierigen Kindern sind oft nicht oder mühevoll zu erreichen.
Nebenher laufen noch diverse Tests und Dokumentationen, die bisher nichts bewirkt haben, weil sie keine Folgen hatten, die die Bedingungen verbessern. So verbringe ich viel Zeit mit unsinnigen Dingen, die ich gern woanders investieren würde.
Wie lange machst du das schon und wie siehst du die Zukunft ?
Zwanzig Jahre bin ich an der Schule und sehe die letzten 10 Jahre eher Verschlechterungen, obwohl es ja immer anders behauptet wird. Es muss sich Grund legend etwas ändern, damit ich die nächsten Jahre noch einigermaßen überstehen kann, denn Tinnitus und leichte Schwerhörigkeit begleiten mich schon länger. Trotz alledem macht mir mein Beruf Freude, aber das ständige gegen Probleme Anarbeiten ist anstrengend.
Vielen Dank für das Gespräch. Und wir wünschen dir und uns in Zukunft mehr Fürsorge durch den Arbeitgeber.

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