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16.04.2008 Beruf: LehrerIn

Lehrerleitbilder und die Wirklichkeit
von Dr. Herbert Gudjons
Kluge – und vor allem weitsichtige – Leute saßen im Deutschen Bildungsrat, der vor mehr als 30 Jahren für die Lehrerrolle fünf zentrale Punkte herausgearbeitet hat:

  1. Lehren
  2. Erziehen
  3. Beurteilen
  4. Beraten
  5. Innovieren

Und rund 30 Jahre später, nach zahllosen Reformen und einschneidenden Veränderungen der Schullandschaft, legen die Vertreter der wichtigsten schulpolitischen Verbände in einer gemeinsamen Erklärung »Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern heute« fest. Diese ist auch Grundlage für die von der Kultusministerkonferenz am 16. 12. 2004 formulierten Kompetenzbereiche und Standards für die künftige Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen:

  1. Lehrerinnen und Lehrer sind Fachleute für das Lernen; Kernaufgabe der Lehrertätigkeit ist das wissenschaftlich orientierte und gezielte Planen, Organisieren und Reflektieren von Lehr- und Lernprozessen, einschließlich deren Bewertung und Evaluation.
  2. Die Erziehungsaufgabe soll im Bewusstsein der Lehrkräfte eng mit dem Unterricht und dem Schulleben verknüpft sein.
  3. In ihrer Beurteilungsaufgabe sind Lehrer und Lehrerinnen kompetent, gerecht und verantwortungsbewusst.
  4. Sie entwickeln ihre Kompetenzen ständig durch Fortbildungen weiter.
  5. Lehrer und Lehrerinnen beteiligen sich an der Schulentwicklung, einschließlich Schulkultur und Schulklima.

Seitenabschnitte:
Lehrerrolle - wandlungsresistent
Beispiel: Erziehen
Überflüssige Diskussionen
Trotzdem sind zwei Warnungen nötig.
Lehrer und Bildungsreform
Neues Fach: »Innerer Abschied«
Leistungsbeurteilung und neue Didaktik
Tendenz zur Normorientierung
Konsequenzen
Literatur:
Der Autor:

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Lehrerrolle - wandlungsresistent

Auf den ersten Blick sind beide Kataloge als Leitbilder nahezu deckungsgleich. Die grundlegenden beruflichen Tätigkeiten der Lehrkräfte scheinen sich nicht geändert zu haben. Beruf: Lehrer, – krisenfest, stetig und wandlungsresistent? Doch der Schein täuscht. Leitbildformulierungen sind wichtig als generelle Orientierungsmarken. Aber die realen Wandlungen und aktuellen Problementwicklungen können sie nicht abbilden. Um dies zu zeigen, greife ich zwei zentrale Punkte exemplarisch heraus.

  1. Erziehung schiebt sich gegenwärtig neben den Unterricht oder gar vor ihn.
  2. Innovationen in der Bildungsreform drohen in ihr Gegenteil umzuschlagen

Beispiel: Erziehen

Gegenüber dem Leitbild auf dem Papier haben sich in der schulischen Realität der letzten Jahre erhebliche Akzentveränderungen der Lehrertätigkeit ergeben. Am deutlichsten wird dies beim Punkt Erziehung. Noch vor kurzem hat Terhart eindeutig festgestellt: »Der Kernbereich der Lehrertätigkeit ist das Unterrichten.« Das ist nach wie vor richtig. Nimmt man aber die zahllosen Berichte und Studien über den Lehreralltag in der Praxis hinzu (von klassischen Lehrerberichten wie Kagerer 1978 bis zu neueren Schilderungen der schulischen Alltagswelt bei Rösner u.a. 1996 oder in PÄDAGOGIK H. 5/2007 zum Thema »Brennpunktschulen«), dann stellt man eine erhebliche Verschiebung fest. Lehrkräfte müssen sich heute im weitesten Sinn um Erziehungsaufgaben und Verhaltensprobleme kümmern, deren Bewältigung überhaupt erst Voraussetzung für einen vernünftigen Unterricht sind.
Und die Palette ist riesig: Konfliktgespräche, Streitschlichtung, Durchsetzung der Schulbesuchspflicht, Drogenprophylaxe, Aufbau elementarer Umgangsformen, Eingehen auf kulturelle und ethnische Unterschiedlichkeiten, Hilfe bei häuslichen Schwierigkeiten, Regeln einführen und durchsetzen, auf Pünktlichkeit achten, Frühstück organisieren, Pausengespräche als Kurzberatungen, Elterntelefonate, Disziplinierungsmaßnahmen, Ausgleich sozialer Benachteiligungen durch intensives Eingehen auf die Belange der Kinder und Jugendlichen, – die Aufzählung ließe sich bis ans Ende dieses Beitrages fortsetzen. Der »Lehrer« wird zum »Kümmerer«, der sich in einer aufwändigen Weise manchmal 24 Stunden am Tag um seine Schüler bemüht. Kaum eine Lehrkraft kann ohne Aktivität und Engagement in diesem Bereich einfach mit dem Unterricht beginnen. Schüler und Schülerinnen bringen oft die elementaren Voraussetzungen für den Schulunterricht nicht mit. Die Erziehungsaufgabe reicht bis zur Kompensation familialer Defizite und ist unabhängig von der Selbstdefinition der Lehrkraft als Notwendigkeit gegeben.


Überflüssige Diskussionen

Die Wirklichkeit hat die Theorie längst überholt. Heute obsolet geworden ist die theoretische Diskussion um eine Ausweitung der Lehrertätigkeit zu einer für die allgemeinen Lebensprobleme von Kindern und Jugendlichen zuständigen pädagogischen Tätigkeit mit der Konsequenz einer Sozialpädagogisierung (ja Familialisierung) der Lehrertätigkeit versus deutliche Beschränkung auf die Vermittlung von Fachinhalten, also Unterricht als Kerngeschäft der Lehrertätigkeit (...) Unterrichten heute setzt eine breite erzieherische Tätigkeit voraus. Bildung gelingt nicht mehr ohne die Entwicklung von Bildungsvoraussetzungen durch die Schule. Das gilt auch für das Gymnasium. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist der Bericht des Gymnasiallehrers Heinrich Peuckmann mit dem Titel: »Ich lese nichts!« Mühsam muss der Lehrer den künftigen Abiturienten abringen, die nötigen Texte für den Deutschunterricht zu lesen, statt im Internet zu chatten, sich mit Comics zu begnügen und mit Kürzeln über SMS zu kommunizieren.

Trotzdem sind zwei Warnungen nötig.

  1. Man muss deutlich die Gefahr sehen, dass es sich bei dieser Funktionsverlagerung der Lehrertätigkeit auch um eine »Pädagogisierung« umfassender gesellschaftlicher Probleme handelt, deren Entstehung »in komplexen sozialen und kulturellen Zusammenhängen wurzelt, die aber nur zu einem kleinen Teil in der direkten Reichweite schulpädagogischen Handelns liegt.«
  2. Weil moderne Berufe ihre Professionalisierung gerade durch die Partikularität ihres Auftrages und ihre Beschränkung auf bestimmte Bereiche der Wirklichkeit gewinnen (der Rechtsanwalt ist kein Seelsorger und der Pastor kein Ratgeber in Rechtsdingen), darf auch der Lehrerberuf nicht endlos »entgrenzt« werden. hat die hohe Bedeutung eines »Grenzbewusstseins« als Merkmal eines modernen, pragmatisch-realistischen Lehrerbildes betont: Eine immer weitere Ausdehnung des Lehrermandats, das am Ende im Grenzenlosen verschwimmt, fügt der Profession eher Schaden zu, weil diese »angesichts eines grenzenlosen Auftrags schließlich für alles und damit für nichts Besonderes mehr kompetent sein« würde. Bezugspunkt und Rahmung aller erzieherischen Ausweitung muss darum der Unterricht bleiben.

Lehrer und Bildungsreform

Ein weiterer mit Wunschbildern durchsetzter Wandlungsprozess ist die gegenwärtige Bildungsreform. Das Element der Beteiligung der Lehrer und Lehrerinnen an der Bildungsreform war 1970 fortschrittlich gedacht, entwickelt sich aber gegenwärtig zu einem Rohrkrepierer (um einen waffentechnischen Ausdruck zu benutzen). (...)
Im Anschluss an die katastrophalen Ergebnisse der PISA-Studien setzte eine ungemein differenzierte, umfassende und temporeiche Reformwelle mit zahlreichen Großprojekten ein. Die Kultusministerien überschlugen sich nahezu in der Fülle der Innovationen. (...)

Neues Fach: »Innerer Abschied«

Nimmt man dann noch die zahlreichen »kleinen« Maßnahmen hinzu, die den Alltag der Einzelschule bestimmen wie z.B. regelmäßige Schulinspektionen, Leistungsbeurteilung der Lehrkräfte, Schul-TÜV, Selbstverantwortung im Einsatz der Finanzmittel, Stärkung der Rolle der Schulleitung in Richtung der Aufgaben im mittleren Management, Überlegungen zur Ausdehnung der Präsenzpflicht der Lehrkräfte u.a.m., dann wird verständlich, dass viele Kollegen und Kolleginnen inzwischen unter Erschöpfung durch Reformstress leiden. Nimmt eigentlich irgend jemand in der Bildungsverwaltung alle Reformen zusammen in den Blick? Immer wieder wird betont (wie in den Briefen der Berliner und Hamburger Schulleiter an ihre Bildungsbehörde), dass man ja nicht inhaltlich gegen die Reformen sei, das sei alles im Prinzip richtig, aber das Tempo und die Fülle wären nicht mehr zu verkraften. Es schleicht sich das Gefühl ein, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Reforminfarkt? Immer kommt etwas Neues, kaum dass man die vorherige Maßnahme implementiert hat.
Ein Lähmungsgefühl, verbunden mit einem permanent schlechten Gewissen sind die Folge, ebenso wie eine Unterlaufungsstrategie: »Das sagen wir den Kollegen erst gar nicht«, so reagiert die Schulleitung nach dem xten Erlass. Resignation trotz Gutwilligkeit ist nahezu normal. (...) Aber nicht nur Tempo und Fülle der Reformmaßnahmen führen zur Resignation, zum Aussitzen oder gar Boykott. Darüber hinaus werden die Prinzipien der Zentralisierung, Vergleichbarkeit, Vereinheitlichung und Normierung der Bildungsstandards für den Unterricht zu stark forciert Das gefährdet die Einzelschule in der Aufgabe, ihre über den Unterricht hinausgehende, je spezifische besondere Schulkultur zu entwickeln und zu pflegen. Für den einzelnen Schüler ist diese aber der primäre Ort seines Erlebens und Lernens, für die Lehrkraft macht die Schulkultur ihrer Schule den täglicher Arbeitsplatz aus.


Leistungsbeurteilung und neue Didaktik

Auch in den anderen Rollenmerkmalen haben sich in der Realität Verschiebungen und neue Akzente z. T. gegen, z. T. innerhalb der Leitbildformulierungen ergeben. Die Formulierung: Lehrkräfte sind in der Beurteilung von Leistungen und der Zuweisung von Chancen im Zuge der schulischen Selektion »kompetent, gerecht und verantwortungsbewusst« (s.o.) klingt zunächst überzeugend. Aber sie täuscht allzu leicht darüber hinweg, dass sich der Konflikt zwischen individueller Förderung, Bemessen der Lernfortschrittes am Kind selbst und Berücksichtigung seiner spezifischen Lernweisen und -wege auf der einen Seite und der Verpflichtung zur Standardsicherung, dem Messen des Kindes am zentral vorgegebenen Maßstab sowie am Output der Lernleistungen inzwischen verschärft hat.

Tendenz zur Normorientierung

Testtheoretisch gesehen wächst mit der Fülle der Vergleichsarbeiten, der zentralisierten und vorgegebenen Prüfungsarbeiten die Tendenz zur Normorientierung gegenüber der Kriterienorientierung.

Der Einzelne erhält seinen Rangplatz innerhalb einer durch allgemein gültige und verbindliche Normierung festgelegten Rangreihe; zurück tritt die Messung an individuell oder auf den speziellen Unterrichtsverlauf in dieser Klasse zugeschnittenen Kriterien. Man könnte darüber diskutieren, ob diese Tendenz wirklich pädagogisch orientierte Gerechtigkeit ist …
Auch hat die Fülle innovativer didaktischer Ansätze der letzten 30 Jahre zu einer starken Veränderung des Kerngeschäftes »Unterrichten« geführt. Statt des traditionellen Frontalunterrichtes haben sich mit der Öffnung des Unterrichtes und der Betonung selbstgesteuerten Lernens zahlreiche neue Unterrichtsformen etabliert, die Unterrichten nicht mehr als Beibringen von Wissen verstehen, sondern als Arrangieren von Lerngelegenheiten für Schüler und Schülerinnen, – mit veränderten Sozialformen, neuen Lehr-/Lernstrategien und Anforderungen an die Lehrerrolle im konkreten Unterricht. (...)

Konsequenzen

Angesichts der beschriebenen (und weiterer) Wandlungen, Widersprüche und Wunschbilder zum Thema Lehrerberuf können drei Konsequenzen formuliert werden.
Eine erste Konsequenz ist der Aufbau und der Erhalt einer »Veränderungskompetenz«, ohne welche die tiefgreifenden Veränderungen der Schule nicht bewältigt werden können. (...)
Eine zweite, mit der Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung zusammenhängende Konsequenz ist die Kultivierung der Reflexionskompetenz im Lehrberuf. (...)
Als dritte Konsequenz wäre zu prüfen, ob angesichts der raschen, komplexen und belastenden Wandlungsprozesse der Schule eine Eignungsberatung für Lehramtsstudierende verpflichtend gemacht werden müsste. (...)

Literatur:

  • Bastian, J./Helsper, W. (2000): Professionalisierung im Lehrerberuf – Bilanz und Perspektiven. In: Bastian, J. u. a. (Hg.): Professionalisierung im Lehrerberuf. S. 167–192. Opladen
  • Deutscher Bildungsrat (1970): Empfehlungen der Bildungskommission. Strukturplan für das Bildungswesen. Bonn
  • Giesecke, H. (1997): Wozu ist die Schule da? Stuttgart
  • Griese, C. (2006): Pädagogische Professionalität. In: Das Lehrerhandbuch. Lieferung Mai 2006, Berlin
  • Gudjons, H. (2006a): Neue Unterrichtskultur – veränderte Lehrerrolle. Bad Heilbrunn
  • Gudjons, H. (2006b): Pädagogisches Grundwissen, Bad Heilbrunn, 9. Aufl.
  • Herrmann , U. (2004): Schule im Jahre IV nach Pisa. Ein 10-Punkte-Programm gegen die illusionären Erwartungen an »Bildungsstandards«. In: PÄDAGOGIK H. 4/2004, S. 38–41
  • Kagerer, H. (1978) : In der Schule tobt das Leben. Berlin
  • Rösner, E. u.a. (Hg.) (1996): Lehreralltag – Alltagslehrer. Weinheim
  • Peuckmann, H. (2007): »Ich lese nichts.« Ein Lehrer zur Lesekultur von Schülern. In: MUT, Nr. 474, Februar 2007, S. 30–37
  • Schaarschmidt, U. (Hg.) (2004): Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf – Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustands. Weinheim/Basel
  • Terhart, E. (2002): Nach PISA. Hamburg
  • Terhart, E. (2006): Was wissen wir über gute Lehrer? In: PÄDAGOGIK H. 5/2006, S. 42–47
  • Sekretariat der ständiger Konferenz der Kultusminister … (2005): Standards für die Lehrerbildung. In: Erziehungswissenschaft H. 31/2005, S. 36–47
  • Struck, P. (1996): Die Schule der Zukunft. Darmstadt

Der hier abgedruckte Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Textes, der zunächst in der Zeitschrift PÄDAGOGIK, Heft 9/07 als Einführung in den Themenschwerpunkt Beruf: LehrerIn erschienen ist. Das Heft ist zum Preis von € 6.50 (plus Versk.) zu beziehen bei:
Pädagogische Beiträge Verlag Hamburg, Rothenbaumchaussee 11, 20148 Hamburg
oder unter paedagogik-einzelhelfte at web.de.
Die vollständige Fassung des Beitrags ist zu finden auf der Homepage des Beltz Verlags unter www.beltz-paedagogik.de

Der Autor:

Dr. Herbert Gudjons,
eremitierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg
und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Pädagogik“


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