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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Juli/August 2008 16.07.2008 Chinas Grenzen und Tibets Zukunft | ||||||
| 16.07.2008 Chinas Grenzen und Tibets Zukunft | ||||||
| von Helwig Schmidt-Glintzer | ||||||||||||||
| Der Dalai Lama hat Deutschland wieder verlassen, die Olympischen Spiele in Peking stehen vor der Tür. Um den Besuch des geistlichen Oberhaupts der Tibeter hatte es Streit gegeben, auch Parteienstreit. Viele meinten, wir Deutschen dürften nicht beiseite stehen, wenn das Volk der Tibeter dabei ist, sich von seinen Besatzern zu befreien. Kanzlerin Angela Merkel hatte sich ein weiteres Treffen mit dem Dalai Lama vorbehalten. Bundestagspräsident Lammert traf ihn dann tatsächlich als „eine der letzten großen Autoritäten unserer Zeit“. |
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| Die auf lange Sicht geplante Kampagne für ein „Freies Tibet“ war erwartbar und von langer Hand vorbereitet. Sie fiel zusammen mit einem sich allgemein ins negative wendenden Bild Chinas in der westlichen Presse. Es war professionelles „timing“. Im Ergebnis aber schürte die Kampagne einen Konflikt und prangerte China bloß an, ohne eine Perspektive für die Tibeter aufzuzeigen. Dabei gibt es zu einer gedeihlichen Entwicklung Tibets und für die Wahrung der Lebensinteressen der tibetischen Bevölkerung innerhalb der Staatsgrenzen der Volksrepublik China keine Alternative. Daran hält auch der 14. Dalai Lama fest. Einen Zug von Protestaktivisten aus Indien nach Tibet, der unter Beobachtung internationaler Medienberichterstatter die Grenzen Chinas missachten und einen Dauerprotest unter der tibetischen Bevölkerung Chinas hatte inszenieren sollen, hat die Regierung Indiens klugerweise verhindert. Chinas Regierung hätte eingreifen müssen, und womöglich wären die Olympischen Spiele dann wirklich abgesagt worden – ein Szenario, bei dem neue Gräben zwischen den Völkern mit unabsehbaren Folgen aufgerissen worden wären. | ||||||||||||||
| Oder geht es nicht doch nur um eine Destabilisierung Chinas? Trifft die Vermutung zu, dass das Ganze ein kleines Machtspiel war, bei dem Exiltibetern und dem Dalai Lama vor allem Deutschland als Resonanzboden dienen sollte, um den Preis der Minderung des deutschen Ansehens in China? Dann wäre das Kalkül aufgegangen. Im Zuge der Tibetdebatte kam es in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit zu einer Herabwürdigung Chinas. Kaum einer zeigte Respekt für die Bemühungen Chinas, ein Land ohne Armut in einer intakten Umwelt zu werden. Die Politik Chinas, aber auch die insbesondere von den USA geförderte Politik der Exiltibeter haben in den letzten fünfzig Jahren Tibet in eine Spirale der Eskalation getrieben. Tatsächlich ist Tibet kein souveräner Staat, der annektiert worden wäre, sondern Teil des Vielvölkerreichs China. Das Recht der Tibeter auf Erhaltung ihrer kulturellen Identität im Vielvölkerreich China aber wird keiner bestreiten. Doch die Entwicklungsperspektive für Tibet – wie viel Modernisierung, wie viel Erhaltung des Alten – wird naturgemäß kontrovers diskutiert. Die Forderung aber nach einem weitgehend freien Großtibet hat mehr als alles andere dazu beigetragen, die politische Unterdrückung und die Sinisierungspolitik zu befördern. Der Umstand, dass Tibet vom Westen nicht glaubwürdig zu einer inneren Angelegenheit Chinas erklärt wurde, auch wenn immer wieder Lippenbekenntnisse zur Ein-China-Politik abgegeben werden, hat die Spannung gesteigert, zumal neben dem Dalai Lama radikale Stimmen wie die der Tibetischen Jugendliga als Provokation verstanden werden müssen. | ||||||||||||||
| Die Verflechtung Chinas und Tibets hat eine lange Geschichte. China hat von Tibet immer gelernt, und Tibet von China profitiert. Seit dem 17. Jahrhundert ist Tibet ein Bestandteil des mongolisch-mandschurischen Herrschaftssystems, und die expansive Politik der Mandschuren war in Tibet nicht unwillkommen, denn das mandschurisch beherrschte China setzte die von den Mongolen begonnene Tradition fort, den Geltungsanspruch des Dalai Lama als Oberhaupt über das bis dahin zerstrittene Tibet zu garantieren. Dabei wurde in Peking die kulturelle Überlieferung Tibets durch beispiellose Anstrengungen wie etwa den frühen Druck des tibetischen buddhistischen Kannons gesichert. Bis 1959 war der jetzige 14. Dalai Lama Vizepräsident des Volkskongresses in Peking. Die Kernfrage der letzten fünfzig Jahre aber war die der sozialen und kulturellen Modernisierung Tibets. Das alte Leibeigenschaftssystem wurde unter chinesischem Druck aufgehoben, die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Und hier entflammt der Konflikt zwischen den Angehörigen der alten zum Teil ins Exil gegangenen Eliten und den Vertretern einer sozialistischen Modernisierung. Tatsächlich ist das Verhalten der chinesischen Sicherheitskräfte oft ungeschickt, und auch die Kultur- und Bildungspolitik ist durch Versäumnisse und Engherzigkeit gekennzeichnet. In den 50er und 60er Jahren ist viel zerstört und unendliches Leid gesät worden. | ||||||||||||||
| Man kann nur hoffen, dass China gut beraten ist und eine Politik der Konsultationen und der ruhigen Hand verfolgt. Die Rolle als Schutzmacht Tibets sollte China souveräner ausüben. Wer aber für Tibet eine andere Schutzmacht wünscht, bricht nicht nur mit einer historischen Tradition, sondern muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob die Folgen für die tibetische Bevölkerung und die tibetische Kultur bedacht sind. Die westlichen Mächte einschließlich Russlands jedenfalls haben sich in der Frage des Erhalts kultureller Traditionen in Asien nicht gerade mit Ruhm bekleckert! Das Vielvölkerreich China hatte sich im Laufe seiner Geschichte mit den vielfältigen Kulten der Teilvölker auseinanderzusetzen. Wenn ein Kommentar der Neun Zürcher Zeitung behauptete: „Vor allem aber verträgt sich die stark von Spiritualität geprägte Kultur Tibets schlecht mit dem überbordenden Materialismus des heutigen China“, dann verfällt er nur einem alten, aber nichtsdestoweniger falschen Klischee von der Gottferne der Chinesen. Vielmehr muss man dem Dalai Lama zustimmen, dass Tibet seine besten Chancen als Teil Chinas hat. Und man muss das Selbstbewusstsein der Tibeter und die Fortentwicklung ihrer Traditionen in die Moderne wünschen. Eine Einmischung von Außen in die inneren Angelegenheiten Chinas bewirkt gerade das Gegenteil, und daher kann der Dalai Lama als religiöses Oberhaupt, aber nicht als weltlicher Führer anerkannt werden, zumal dies eine zivilgesellschaftliche Entwicklung in Tibet verhindern würde. Nur in von außen unangefochtenen Grenzen wird China die Souveränität entwickeln, in einem wahrscheinlich föderal organisierten Prozess die eigene innere Vielfalt der Teilkulturen zu erhalten und zu pflegen, die immer schon wichtigste Kraftquelle für die chinesische Welt Ostasiens war. | ||||||||||||||
| Der Autor: | ||||||||||||||
| Helwig Schmidt-Glintzer, Sinologe und Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ist derzeit Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Chinastudien e.V., Berlin. – Er veröffentlichte u.a.: Kleine Geschichte Chinas. München: C.H.Beck 2008; China. Vielvölkerreich und Einheitsstaat. München: C.H.Beck 1997. | ||||||||||||||