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16.12.2007 De-investieren?

von Prof. Dr. Helmut Spitzley
Universität Bremen
Überall muss „gespart“ werden, heisst es. Aber wird tatsächlich gespart, wenn in Bildung, Forschung und Wissenschaft weniger oder in eingen Bereichen gar nicht mehr investiert wird? Fachlich richtig sollte vom Entzug von Investitionsmitteln oder von De-Investition gesprochen werden. Denn ohne Investition kann Wichtiges nicht fortgeführt oder Neues nicht entwickelt werden.

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Unter der harmlos klingenden Überschrift „Hochschulgesamtplan“ zieht das Land Bremen derzeit massiv Investitionsmittel aus Forschung und Lehre ab. Ein klassischer Fall also von De-Investition.
Bislang von der Öffentlichkeit unbemerkt trifft diese De-Investition auch den Kern der sozialwissenschaftlichen Arbeitsforschung an der Universität. Wir leben aber in einer Arbeitsgesellschaft, in der nicht nur das Einkommen, sondern auch Gesundheit und Wohlbefinden von Arbeit und deren Gestaltung abhängen.
Nicht zufällig sind Menge und Qualität von Arbeit die TOP -Themen in Politik und Gesellschaft. Dabei geht um die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen und natürlich auch um die Qualität menschlicher Arbeit. Organisation und Verteilung von Arbeit müssen daher analysiert und klug gestaltet werden: im persönlichen Bereich, in Unternehmen und in der Gesellschaft.

Bremens Politik hat mit Gründung der Universität in Arbeitswissenschaften und sozialwissenschaftliche Arbeitsforschung investiert. In Forschung und Lehre. Mit Erfolg. Lagen Schwerpunkte zunächst auf industriellen Arbeitsprozessen im Stahlwerk, der Automobilindustrie oder im Hafen, hat sich das Forschungsfeld mittlerweile stark erweitert. Heute lautet die Frage auch: Was heißt „gute Arbeit in der Wissensgesellschaft“, in der IT- und Biotechnologie, in der maritimen Wirtschaft, in der qualifizierten sozialen Arbeit, in Krankenhäusern oder in unseren Schulen?
Angesichts einschneidender Veränderungen in Unternehmen und Gesellschaft kann auf qualifizierte Forschungen zur menschengerechten Arbeits- und Organisationsgestaltung nicht verzichtet werden. Der demographische Wandel setzt arbeitswissenschaftliche Themen zudem neu oder mit neuer Dringlichkeit auf die Agenda: Freisetzung von Innovationskraft und menschlicher Kreativität, psychische Beanspruchungen, altersgerechte und gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung und die Vereinbarkeit von „Beruf und Familie“ sind nur einige dieser Themen. Sozialwissenschaftliche Arbeitsforschung ist dabei keine akademische Spielwiese, sondern praxisorientierte Forschung mit dem Ziel der positiven Zukunftsgestaltung.
Hier muss Bremen am Ball bleiben. Wer die im Studiengang Arbeitswissenschaft ausscheidenden Hochschullehrer jetzt „wegspart“ und auch das Fachgebiet „Arbeit und Gesundheit“ unbesetzt lässt, entzieht der sozialwissenschaftlichen Arbeitsforschung die notwendige personelle Basis und verpasst die Zukunft.
Denn wer soll zukünftig arbeitswissenschaftliche Grundlagen lehren und weiterführende Lehrprogramme konzipieren und anbieten?
Bereits im nächsten Semester wird der internationale Masterstudiengang „European-Labour-Studies (MELS)“, in dem Nachwuchskräfte in arbeitsbezogenen Themen qualifiziert und europatauglich gemacht werden, aus Personalmangel keine Studierenden aufnehmen können. Wenn hier nicht sofort gegengesteuert wird, droht die Vernichtung wertvoller Studienplätze, von Aufbauleistungen und Zukunftsperspektiven. Dann müsste Bremen auch aus dem Netzwerk von renommierten Lehr- und Forschungsinstitutionen, das von London über Amsterdam und Toulouse bis nach Barcelona reicht, ausscheidet – ein Abstieg aus der Champions League.

Ist De-Investition in die sozialwissenschaftliche Arbeitsforschung wirklich kluges Sparen? Wohl kaum, denn gerade für das Themenfeld Arbeit brauchen wir in Zukunft erhöhte Kompetenzen, im persönlichen Bereich, in Unternehmen, in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Kompetenzen, die aufbauen auf arbeitsorientierter Forschung und Lehre. In diese müssen wir investieren.


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