zur Startseite
Pfad zur Seite:Startseite - Publikationen - BLZ - BLZ Archiv - BLZ Mai 2007 - 16.05.2007 Der Schlag

16.05.2007 Der Schlag

von Dietrich Kittner, Kabarettist
Im Spätsommer 1943 fuhr ich als achtjähriger Knirps aus mir heute nicht mehr geläufigen Gründen mit der Bahn nach Kattowitz.
Reisebegleiter und Aufsichsperson war auf dieser Reise für mich »der Onkel«. seinen richtigen Namen weiß ich nicht mehr, aber ich sehe ihn oft noch vor mir, wenn ich über meine Kindheit in unserer schlesischen Kleinstadt nachdenke. Er war schon damals ein älterer Mann, zu alt bereits für die Wehrmacht, nur zu Hitlers letztem Aufgebot, dem »Volkssturm« haben sie ihn dann doch noch geholt. Beim Luftschutz hatte er wohl auch eine wichtige Funktion, denn er achtete stets penibel darauf, dass richtig »verdunkelt« wurde. Wenn es abends unverhofft an der Wohnungstür läutete, konnte man einigermaßen sicher sein, dass es »der Onkel« war, der streng irgendeinen winzigen unter dem Rollo hervordringenden Lichtstrahl monierte. Das Küchenfenster seiner Wohnung ging im rechten Winkel auf denselben Hinterhof hinaus wie auch unseres, und wenn wir Kinder während der Mittagszeit unten tobten, dauerte es meist nicht lange, bis der alte Herr ein mächtiges »Ruhe!!« auf uns herunterdonnern ließ.
Hatte er jedoch gute Laune, brachte er uns geduldig bei, wie man Flitzebogen bastelt, Fahrradschläuche flickt oder Papierdrachen sauber austariert. Für einen Eimer Pferdeäpfel bekam man bei ihm einen Festpreis von zehn Pfennig, der dann allerdings auch in großem Ritual mit eindrucksvoller Gönnermiene spendiert wurde. »Der Onkel« – alle Kinder in der Nachbarschaft wussten, wer damit gemeint war. Nicht weiter schwierig, die meisten Onkels (und Väter) sonst waren ja »eingezogen«, im Krieg also.

Seitenabschnitte:

 Der_Schlag.pdf
 Vollständiger Artikel
zum Downloaden

Mit diesem »Onkel« nun fuhr ich durch einen heißen Sommernachmittag des Jahres 1943 Richtung Kattowitz. Wir standen auf dem offenen Perron des letzten Wagens unseres Bummelzuges. Irgendwo auf der Strecke zog sich achtzig oder hundert Meter entfernt parallel zu den Gleisen ein Lager hin. Stacheldrahtzäune, mit Scheinwerfern und Maschinengewehren bestückte Wachttürme, dahinter Baracken. Oben hinter der Turmbrüstung Soldaten. Unten knapp vor dem Zaun eine lockere Gesprächsgruppe. Der Chef, das rechte Bein leicht vorgestellt, Fernglas vor der Brust, sprach. Die anderen trugen Maschinenpistolen, einer hielt einen Schäferhund kurz an der Leine: SS-Uniformen konnte ein Achtjähriger damals unterscheiden wie heute die Kids Automarken.
»Was ist das?« fragt ich den Onkel.
»Das ist ein Konzentrationslager. Juden sind darin, Kommunisten, Asoziale und Plutokraten.« Plutokraten – das Wort kannte ich aus dem Radio. Sie hatten viel Geld und Macht, wohnten in England und Amerika und waren unsere Feinde. Dass es deutsche Plutokraten gab, die prächtig an Faschismus und Krieg verdienten und natürlich keineswegs in Lagern saßen – woher sollte ich das wissen? Asoziale. Die Vokabel sagte mir überhaupt nichts. Kommunisten? Nur sehr nebelhafte Vorstellungen. Dass die Kommunisten den »Hitlerjungen Flex« erschossen hätten, hatte die Lehrerin erzählt. Aber was »Kommunisten« nun genau waren…? In den Nachrichten ging es ja mehr um »vertierte Bolschewisten« und »asiatische Horden«. Das war wohl etwas anderes.
Juden hatte ich gekannt. Eine Rabbiner-Familie in der Wohnung über uns. Aber die war irgendwann plötzlich weg gewesen.

Schon neun war ich, als ich neben der verschneiten Straße am Baum drei Menschen hängen sah mit dem Zettel vor der Brust: »Ich Schwein habe den Führer verraten.« Dann später in Österreich, als ich den ersten aus der Hölle von Mauthausen befreiten, zum Skelett abgemagerten Häftlingen begegnete, wurde mir klar, was »der Onkel« damals »erklärt« hatte – seitdem hasste ich Krieg und Nazis.

Sechs Jahre nach der Reise mit dem »Onkel« sah ich ihn in Hannover beim Familienfest eines ehemaligen Nachbarn wieder. Nach Tisch kam das Gespräch auf die Verbrechen des »Dritten Reiches«, auf den Terror der Nazis, der Faschisten; für die damalige Zeit ganz normal – der Schock saß noch zu tief. Gewisse Historiker hatten sich noch nicht getraut, alles wieder zuzukleistern.
»Man wusste doch nicht, dass es Konzentrationslager gab,« sagte da der »Onkel«. »Davon hat man doch nicht gehört. Ich jedenfalls habe nie ein KaZett gesehen…«
Mit meinen 14 Jahren noch jung, empörungsfähig, Lügen hassend – ich hoffe mir wenigstens einige dieser Eigenschaften bis heute bewahrt zu haben – widersprach ich ungefragt laut über den Tisch: »Aber hör mal, als wir damals mit der Bahn nach Kattowitz gefahren sind, da hast Du mir doch das Lager gezeigt. Da seien Juden drin, Kommunisten, Asoziale – und…«
Wortlos stand der immer noch kräftige alte Mann auf, holte weit aus und schlug mir wuchtig eine ins Gesicht.
Diesen Schlag habe ich mein Leben lang nicht vergessen.
Was das mit der Bremer Bürgerschaftswahl zu tun hat? – Ich hatte damals – im Wortsinne auf einen Schlag – gelernt und kann infolgedessen nur solchen Parteien meine Stimme geben, die ungeachtet taktischer oder opportunistischer Erwägungen für ein sofortiges striktes Verbot aller Naziverbände eintreten.

SucheHilfeEmailSitemap
Suche,Hilfe,Email,Sitemap