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16.09.2009 Die Industrialisierung des Mitleids

Über die „fürsorgliche Belagerung“ durch psychologische Trauma-Experten
von Götz Eisenberg
In Winnenden wurden nach dem Amoklauf des Tim K. rund 100 Psychologen aus ganz Deutschland zusammengezogen, um Menschen Beistand zu leisten, die im Jargon des psychosozialen Helfersystems „Betroffene“ heißen. Die ARD präsentierte uns in einer Nachrichtensendung ein vielleicht 12-jähriges Mädchen, dessen Freundin sich unter den Opfern befand. Ob ihr denn jemand schon geholfen habe, wurde sie von der Reporterin gefragt. Das Kind berichtete unter Tränen, dass es gerade einer Psychologin begegnet sei, die ihr geraten habe, sich mit einer Freundin zu treffen und sich ein „bisschen abzulenken“. Andere Jugendliche erhielten die Expertenempfehlung, jetzt „ganz fest zusammenzuhalten“.

Seitenabschnitte:
Köln-Volkhoven 1964
Und heute?
Bezahlte Experten
"Wir sind doch nicht psychisch kaputt, wir sind einfach nur traurig”
Massive Präsenz von Experten
Prävention als lukrativer Forschungs- und Geschäftszweig
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Köln-Volkhoven 1964

Als vor einiger Zeit an den ersten Schulamoklauf in Köln-Volkhoven 1964 erinnert wurde, wo der 42-jährige Frührentner Walter Seifert mit einer zum Flammenwerfer umgebauten Unkrautspritze auf das Gelände seiner ehemaligen Volksschule eindrang und acht Kinder und zwei Lehrerinnen tötete und zahlreiche andere schwer verletzte, fragte man überlebende Opfer und Zeugen, wie sie denn damals betreut worden seien. „Gar nicht“, war die verblüffend kurze und erstaunte Antwort. Man habe das Erlebte entweder selbst oder gewissermaßen beiläufig im Rahmen der Familien, der Nachbarschaft und der Kirchengemeinde so weit bewältigt, dass ein wie immer reduziertes Weiterleben möglich wurde. Natürlich habe das Ereignis teilweise bis heute fortwirkende Spuren in den Lebensläufen hinterlassen. Eine Generation nach Kriegsende herrschte noch jene im preußischen Deutschland seit Generationen endemische Mentalität des Zähnezusammenbeißens, die sich bündig in dem unsäglichen, aber im Volk verbreiteten Spruch zusammenfasste: „Was uns nicht umbringt, das macht uns nur noch härter.“ Das Leben besaß nun einmal eine gewisse Grundhärte, und wer im „Daseinskampf bestehen“ wollte, musste sie sich zu eigen machen oder gar zu überbieten versuchen. Die Jünger’schen „Stahlgestalten“ entstiegen nicht nur den Schützengräben, sondern wurden auch vom Alltagskrieg weiter hervorgebracht. Auch Arbeit war und ist eine Form von Krieg, und während der gesamten Phase des Kalten Krieges blieb der Krieg weiter der so genannte Ernstfall, auf den man sich vorzubereiten und mit dem man zu rechnen hatte.

Und heute?

Galt damals Härte als der gute Koch in der Erziehung und oberste Lebensmaxime, so scheinen heutige Generationen in Erwartung eines pasteurisierten und homogenisierten Lebens heranzuwachsen, das weitgehend schmerz- und leidensfrei verläuft. Sie werden dann natürlich von vergleichsweise geringen Erschütterungen und Einbrüchen des unerwartet Grausamen aus der Bahn geworfen und „traumatisiert“. In den USA haben sogar Schüler eine „posttraumatische Belastungsstörung“ geltend gemacht und sich auf die Couch geworfen, die zu der Zeit, da sich die Schulschießerei an der Columbine High School ereignete, diese Schule noch gar nicht besuchten. Einen Zusammenprall dieser Mentalitäten aus verschiedenen Zeitzonen konnte man am 23.3.2009 in der Talkshow „Beckmann“ erleben. Dort berichtete Igor Wolf über die zwei Stunden, die er als Geisel des Tim K. nach dessen Flucht aus der Albertville-Realschule in Winnenden verbracht hat. Ein gutmütiger, behäbiger sogenannter Deutschrusse, der nach der Tat wahrscheinlich ein paar Wodka gekippt hat und nun schlau und gewieft die Gunst der Stunde nutzt, um ein bisschen Geld aus der Geschichte zu schlagen, traf auf eine deutsche Trauma-Expertin, die ihm klarmachen wollte, wie traumatisiert er sei und dass er sich dringend behandeln lassen müsse. Igor wohnte den Ausführungen in stoischer Ruhe und höflicher Distanz bei und man konnte sehen, dass er mit ihren Ratschlägen nichts anfangen konnte. Dass man nach einem Schicksalsschlag psychologische Hilfe und Beratung in Anspruch nimmt, ist im Verhaltensrepertoire eines ehemaligen Kasachen offensichtlich nicht vorgesehen. So etwas macht man mit sich selbst ab: „So ist das Leben“, und wenn man wirklich einmal Hilfe benötigt, findet man sie in der Familie und im Freundeskreis. Traumata sitzen, wie Ruth Klüger gesagt hat, in einem Menschen „wie unoperierbare Bleikugeln im Gewebe“ und hinterlassen bleibende Spuren im Lebenslauf. Es kommt darauf an, sich mit ihnen und ihren Folgen ins Benehmen zu setzen und einen Modus vivendi mit ihnen zu finden.

Bezahlte Experten

Dazu kam aber in Volkhoven noch etwas anderes. Offensichtlich existierte in den 60er Jahren noch ein fragiles Gebilde, das man als „soziales Immunsystem“ bezeichnen kann. Die Einzelnen waren in soziale Gemeinschaften auf eine Weise eingebettet, dass auch im Falle größter zwischenmenschlicher Katastrophen niemand aus der Welt zu fallen drohte. Die Menschen interessierten sich noch füreinander und kümmerten sich umeinander, wenn jemand in eine Notlage geriet. Hier müssen im Laufe der seither vergangenen Jahrzehnte gravierende Veränderungen vor sich gegangen sein. Die Tendenz zur Individualisierung hat die letzten Reste von Gemeinschaftlichkeit offensichtlich geschleift und das „soziale Immunsystem“ erodieren lassen. Mitgefühl, sorgende Zuwendung und gegenseitige Nothilfe nehmen Warenform an und werden mehr und mehr in bezahlte Dienstleistungen verwandelt. Was sagt es uns über den Zustand einer Gesellschaft, wenn sie bezahlte Experten benötigt, um Kinder zu trösten? Wie wir unserem geschwächten körperlichen Immunsystem mit allerlei Nahrungsergänzungsmitteln auf die Sprünge helfen, so versuchen wir das vom Kollaps bedrohte „soziale Immunsystem“ mit Hilfe von synthetisch nachproduziertem Mitgefühl und käuflicher Nothilfe aufzupäppeln.

"Wir sind doch nicht psychisch kaputt, wir sind einfach nur traurig”

Ein Haus stürzt ein, ein Tunnel brennt, ein Zug verunglückt, eine Lawine geht nieder, ein Flugzeug stürzt ab und prompt werden wir am Ende der Nachricht mit dem Hinweis darauf beruhigt, dass Psychologen bereits vor Ort seien und die Betroffenen betreuten. „Ja, dann ist ja alles in Ordnung“, sagen wir uns und lehnen uns im Sessel bequem zurück.

Wer nach einem erlittenen Schock den Weg zurück in die Normalität so ohne Weiteres nicht findet und über die durchschnittliche Halbwertszeit der Betroffenheit hinaus Anzeichen leib-seelischer Erschütterung zeigt, gerät seit den frühen 80er Jahren unter die Deutungshoheit von Psychologie und Psychiatrie. Das nachhaltige Leiden an schockartigen Erfahrungen wird seither in den psychiatrischen Diagnosemanualen als “posttraumatische Belastungsstörung” geführt, die sich in bestimmten Symptomen manifestiert, die man an Opfern von Flugzeugabstürzen, Eisenbahn- und Grubenunglücken und Verbrechen gleichermaßen beobachtet hat. Seit man um die möglichen Spätfolgen traumatischer Erfahrungen weiß, wartet man nicht mehr ab, bis sie sich artikulieren, sondern fliegt an den jeweiligen Ort des Unglücks oder der Katastrophe sofort jede Menge Psychologen und Trauma-Experten ein, die die „Betroffenen“ vorsorglich in ihre Obhut nehmen und ihnen zeigen, wie man ein Trauma ordnungsgemäß bewältigt. In den Wochen nach dem Schulmassaker befanden sich ungefähr 50 Psychologen in Erfurt, um Schüler, Lehrer und Angehörige zu betreuen. Nach der Wiederaufnahme des Unterrichts standen wöchentlich zwei Stunden “Traumabewältigung” auf dem Lehrplan. Eine Schülerin berichtet, ihre Psychologin habe die Stunde damit begonnen, dass alle ihre Gefühle in einen mitgebrachten Karton hineintun sollten. Die Schüler wurden gedrängt Fragebögen ausfüllen, damit die Psychologen herausfinden konnten, wer als „hochtraumatisiert“ einzustufen ist und infolgedessen eine weitergehende Einzeltherapie benötigt. (Anm.: Nach dem Amoklauf von Winnenden meldete sich in der Frankfurter Rundschau vom 16. März 2009 eine Trauma-Expertin der Frankfurter Universität mit dem Rat zu Wort. „Reden hilft“, teilte sie den verblüfften Lesern mit und empfahl, „Eltern müssen Gesprächsbereitschaft ausdünsten“.)
Die Psychologen standen phasenweise Schlange, um endlich Kontakt zu einem „Betroffenen“ zu bekommen.

Massive Präsenz von Experten

Angesichts einer derart massiven Präsenz von Experten, die vorgeben zu wissen, wie man ein solches Ereignis verarbeitet und im Falle von Verhaltensauffälligkeiten psychotherapeutische Zuwendung anordnen, nimmt es nicht wunder, dass es auch kritische Stimmen und fast so etwas wie antikolonialen Widerstand gegen die Invasion der Psychologen gab und gibt. “Wir sind doch nicht psychisch kaputt, wir sind einfach nur traurig”, wehrte sich ein 16jähriger Schüler. Eine Schülerin äußerte gar, das Schrecklichste neben der Journalisten-Plage seien eigentlich die Psychologen gewesen, die einem überall auflauerten und das Alleinsein mit sich selbst oder mit Freunden und Angehörigen mit raffinierten Tricks zu verhindern versucht hätten. Wer sich beratungs- und therapieresistent verhalte, riskiere schlimme und schlimmste Spätfolgen, so sei zu hören gewesen, nur fachliche Anleitung garantiere, dass man einigermaßen glimpflich davon komme. Aufdringlichen Psychoattacken dieser Art verhindern, dass die Opfer von Gewalterfahrungen zunächst einmal auf ihre eigenen Bewältigungsmechanismen und die ihrer näheren Umgebung zurückgreifen, und zielen darauf ab, mäandernde psychische Prozesse unter Kontrolle zu bringen und zu begradigen. Manche Kritiker behaupten, dass Psychologen durch ihren voreiligen Zugriff und imperialen Gestus häufig die Störung erst schaffen, die zu behandeln sie vorgeben. Experten, ursprünglich auf den Plan gerufen, um gesellschaftliche Mangelkrankheiten zu kompensieren, tragen, wenn sie sich als Berufszweig einmal etabliert haben, dazu bei, das „soziale Immunsystem“ durch Enteignung und Ausdünnung von Kompetenzen weiter zu schwächen. Irgendwann sagen sich die Leute: „Bevor ich beim Helfen und Trost spenden irgendetwas falsch mache, überlasse ich es lieber den Fachleuten und halte mich raus.“ Wir sollen uns daran gewöhnen, unsere unwägbaren Gefühlszustände mittels Einnahme von psychoaktiven Substanzen oder Inanspruchnahme von Beratung zu regulieren. An die Stelle autonomer Ich-Leistungen tritt der Gang zu Arzt und Apotheker oder zur nächsten psychosozialen Beratungsstelle. Das als Kleinstunternehmen konzipierte Subjekt soll ein „Selbstmanagement“ erlernen, dem sein Selbst mehr und mehr abhanden kommt.

Prävention als lukrativer Forschungs- und Geschäftszweig

In den letzten Tagen ist noch eine andere Variante psychologischen „Trittbrettfahrertums“ medial groß in Erscheinung getreten. „Kriminalpsychologen“ haben die Prävention als lukrativen Forschungs- und Geschäftszweig entdeckt und warten mit Amok-Frühwarnsystemen auf. Sie suggerieren, durch Einführung eines „Bedrohungsmanagements“ und von durch sie ausgebildeten „Krisenteams“ an Schulen ließe sich die Zahl der Schulschießereien zukünftig drastisch reduzieren und das „Problem in den Griff“ bekommen. Der „Kriminalpsychologe“ Jens Hoffmann hat aus Ermittlungsakten und Fallstudien sogar ein Online-Programm entwickelt, das es Lehrern, Schulpsychologen und Polizisten ermöglichen soll, verhaltensauffällige Schüler richtig einzuschätzen. Das Programm vergleicht die Daten von „Problemschülern“ mit denen früherer Amokläufer und bewertet auf dieser Basis, wie wahrscheinlich eine Gewalttat ist: „Kevin Schmidt hat ein Amokrisiko von 67,8 Prozent.“ Das Programm wird man natürlich bei Herrn Hoffmann ebenso käuflich erwerben müssen wie die Zertifizierung als „Bedrohungsmanager“. In Bayern hatte man nach den Ereignissen in Erfurt eine Weile mit einer aus den USA importierten „Checkliste“ zur Erkennung potenzieller Gewalttäter experimentiert, bis man sie nach heftigen Protesten wieder aus dem Verkehr zog. Wir haben es hier mit einem nach innen gewendeten psychotechnischen Machbarkeitswahn zu tun, der die innere menschliche Natur nach dem Muster der äußeren unter Kontrolle bringen zu können glaubt. Die aufgelisteten „Warnsignale“ geben sich immer erst als solche zu erkennen, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist. A posteriori scheint alles einer Logik zu folgen, die auf aggressive Eruption die ganze Zeit über zusteuerte. Vorher sind die so genannten Warnsignale meist nur verquere jugendliche Lebensäußerungen und Tagträume, die sich irgendwann auswachsen und von selbst erledigen. Würde man auf diese in bürokratischer Routine mit Kontrollmaßnahmen oder psychologisch-sozialarbeiterischer Zwangszuwendung reagieren, entstünde an Schulen eine Fahndungsmentalität und ein Klima universalen Verdachts, die gerade jenes Frühwarnsystem zu zerstören drohten, über das halbwegs lebendige Schulgemeinschaften als Gratisbeigabe verfügen und das von emotionalen Bindungen und wechselseitigem Vertrauen gespeist wird.
Warum stoßen die Präventionsversprechen auf derart große Resonanz? Der Amoklauf bricht aus dem befriedeten Alltag und mitten aus der Normalität der bürgerlichen Ordnung hervor und ist zugleich deren absolute Negation. Die Täter sind zuvor unauffällig gewesen: freundliche Nachbarn, treusorgende Familienväter, harmlose Eigenbrötler, nette Jungs. „Amok und Harmonie“ nannte Werner Kofler einen Band mit Erzählungen und zielte damit ab auf die Nachbarschaft von Idylle und Grauen. Amoklauf ist kein Problem der Dunkelzonen des Sozialsystems, von sozialen Brennpunkten und Problembezirken, sondern er findet in Wohlstandsregionen, Kleinstädten, scheinbar intakten Familien statt. Der Amokläufer verkörpert die dunkle Seite des Alltags, seinen verborgenen Schrecken. Er bricht aus der Normalität hervor, schießt wahllos um sich und seine Kugeln können jeden treffen. Er erschüttert die Innerlichkeit der Bürger, weil er das vom Staat im Tausch gegen den Gewaltverzicht seiner Bürger gegebene Sicherheitsversprechen radikal in Frage stellt. Weil es gegen das - freilich seltene - Ereignis Amoklauf keine Präventionsmöglichkeiten und keinen wirksamen Schutz gibt, muss der Staat wenigstens so tun, als gebe es sie. Deswegen greift er nach jedem Massaker tief in die Kiste der sozialpolitischen Palliativmedizin: Es wird dies und das verschärft und verboten, die Polizei wird weiter aufgerüstet und die „innere Sicherheit“ militarisiert. Staat und Gesellschaft lassen es sich etwas kosten, die Ursachen der Gewalt bestehen zu lassen und ihre Folgen mehr oder weniger repressiv zu bekämpfen.

Der Autor:

  • Dr. Götz Eisenberg
  • Sozialwissenschaftler und Familientherapeut
  • in Butzbach/Hessen

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