| Anja Stahmann boldungspol. Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen | |
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| Seit fast zwei Jahren ist nun das neue Bremer Schulgesetz in Kraft. Statt auf längeres gemeinsames Lernen und frühe individuelle Förderung zu setzen lautete die Konsequenz der Großen Koalition aus der PISA Studie: Sortieren der Kinder bereits nach Klasse 4, frühes Festlegen auf vermeintliche Bildungswege. Eine Politik die vielen Kindern nicht gerecht wird, denn "Spätzünder" und Kinder mit Migrationshintergrund gehen unter, obwohl sie über immenses Potenzial verfügen. Dabei ist spätestens seit den PISA-Studien ebenso offenkundig, dass die soziale Herkunft den Bildungsweg der Kinder bestimmt und dass das jetzige Schulsystem diese Ungerechtigkeit verstärkt. Trotzdem hat die große Koalition gemeinsam eine Renaissance der Schulpolitik der 50er Jahre eingeläutet. Die so genannte "neue Bremer Schule" ist der Griff in die bildungspolitische Mottenkiste. Das Bremer Bildungssystem hat viele Hürden und baut nicht die notwendigen Brücken, die die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit bräuchten. Die große Koalition doktert am gegliederten Schulsystem herum, und nimmt soziale Ungerechtigkeit in Kauf. Mit den beschlossenen Gesetzen mögen SPD und CDU ihren Koalitionsvertrag erfüllen, damit nehmen sie vielen Kindern aber ihr Recht auf die bestmögliche Bildung.
Der UN - Bildungsexperte Vernor Muñoz gibt dem deutsche Schulsystem schlechte Noten. Er kritisiert die frühe Aufteilung der Schüler auf weiterführende Schulen, die soziale Diskriminierung und die Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Munoz: "Schule muss sich am Potenzial jedes einzelnen Schülers orientieren, nicht der Schüler am Schulsystem". Recht hat er! Die Absurdität Kinder im Alter von 10 Jahren auf vermeintliche Bildungswege zu sortieren löst nicht nur in den skandinavischen Ländern Kopfschütteln aus.
Die Abschaffung der Orientierungsstufe hat eine Monsterbaustelle im Bildungsbereich geschaffen. Bildlich gesprochen: Ist gerade eine Leitung verlegt, kommt schon der nächste Bautrupp und beginnt von vorne. Leider hat nicht mal die Koalition einen vernünftigen Bauplan in petto. Verordnungen, Gesetze und Erlasse pflastern den Weg der Koalition. Die selbständige Schule gibt es nur als Etikett.
Die Grundschulen leiden unter einem verschlechterten Lernklima, da schon ab Klasse 3 der Schulwechsel zwangsläufig im Fokus des Unterrichts steht. Von der vielbesungenen "Stärkung der Grundschule" kann keine Rede sein, im Gegenteil. Die unsinnige Wiedereinführung der Notenzeugnisse folgt der Logik des Systems, geht aber an den Lernerfordernissen der Kinder völlig vorbei. Die wenigen 6jährigen Grundschulen bleiben ungeliebte "Insellösungen" im jetzigen Schulkuddelmuddel. Die Schulübergänge entwickeln sich zu tiefen Felsspalten. Anschlüsse und Absprachen fehlen. Jede Schulleitung kämpft für ihre Schule. Regionale Bildungsplanung war wohl einmal. Die durchgängigen Gymnasien freuen sich über viele Anmeldungen und platzen erstmal aus allen Nähten. Aber wer kümmert sich um die Kinder, die nach Klasse 6 vom Gymnasium weggeschickt werden? Was bedeutet das für die Kinder? Welche Schule fühlt sich für sie verantwortlich? Die Einführung von vermehrt integrierten Schulen in der Stadt Bremen ist positiv, kann aber eine wachsende Teilung der (Bremer ) Gesellschaft nicht aufhalten. Eltern spüren die Durchlässigkeit der neuen Bremer Schule vor allem von oben nach unten. Die Sekundarschulen leiden schon nach 2 Jahren unter Akzeptanzproblemen, nur 20% der Kinder werden hier angemeldet. Und wer hier den Weg später nach oben ins Gymnasium sucht, muss Hürde um Hürde nehmen. Die Schulzentren sind ebenfalls keine Gewinner des Umbaus. Nur wenigen geht es gut, andere suchen den Weg als Integrierte Stadtteilschule. Die Förderzentren kämpfen gegen viele Widrigkeiten. An die Kinder mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen wurde nicht so richtig mitgedacht. Wie an eine ganze Menge anderer Dinge auch...
Die Herausforderungen vor die uns die Ergebnisse der PISA-Studie gestellt haben, hat die große Koalition nicht konsequent in Angriff genommen: In erster Linie die soziale Koppelung der Bildungschancen zu durchbrechen und mehr Jugendliche unabhängig ihrer Herkunft und ihres Geschlechts individuell zu fördern!
Dass Bremen weiterhin auf dem letzten PISA-Tabellenplatz steht, liegt nicht daran, dass die Schülerinnen und Schüler hier besonders faul sind, im Gegenteil: Trotz einer nachweislich höheren Motivation als beim PISA-Test 2000 gelingt es den Jugendlichen nicht, signifikant bessere Ergebnisse zu erzielen und die rote Laterne abzugeben. Verantwortlich dafür ist auch ein veraltetes, international nicht konkurrenzfähiges Bildungssystem, in das die große Koalition viel Geld und Energie investiert hat, das aber Jahr für Jahr viele Verlierer produziert. Jedes Jahr bleiben viele Kinder und Jugendliche im Bildungssystem stecken und verlassen die Schule ohne Abschluss. In Bremen sind das Jahr für Jahr an die 10% eines Jahrgangs. Auch nach 10 Jahren großer Koalition verliessen allein im Jahr 2005 erneut 549 Jugendliche von insgesamt 6013 Schulabsolventen die Schule ohne Hauptschulabschluss. Die internationalen Schulstudien zeichnen ein alarmierendes Bild für Bremen. Kinder aus ärmeren, bildungsferneren Elternhäusern haben deutlich schlechtere Start- und Bildungsschancen als Kinder aus Akademikerfamilien. Hierdrin liegt ein große politische Herausforderung, die die Bildungspolitik nicht allein lösen kann.
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| Geld spielt (k)eine Rolle!
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| International hinkt Deutschland mit seinen Bildungsausgaben hinterher. Bedenklich stimmt aber auch der Vergleich mit anderen Bundesländern. Von 2000 bis 2002 haben nur Bremen und das Saarland ihre Bildungsausgaben gesenkt - alle anderen Länder haben nach dem PISA-Schock mehr investiert - so lautet auch die Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen zu "Bildungsausgaben für das Land Bremen". Bremen droht den Anschluss an die anderen Bundesländer zu verlieren, statt aufzuholen. Unser Bundesland hat bundesweit den niedrigsten Grundschuletat, eine mittelmäßige Schüler-Lehrer-Relation und Lehrerkollegien, in denen 69,1 % im Jahr 2003 älter als 50 Jahre waren .
Wir brauchen auch mehr Geld, um die Bildungspotenziale aller Kinder auszuschöpfen. Gut ausgestattete Ganztagsschulen helfen die Koppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen. Gute Kindergarten- und Schulangebote sind längst ein Standortfaktor für Unternehmen und ein entscheidendes Argument für Familien bei der Wohnungssuche.
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| Wie weiter?
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| Die neue Bremer Schule ist selektiv und verschwendet Talente und Begabungen junger Menschen. Das derzeitige Schulsystem ist chaotisch und unübersichtlich. Für die Schülerinnen und Schüler enthält es viele Brüche und Hürden. Seiteneinsteiger haben es schwer. Duchlässigkeit gibt es vor allem nach unten.
Die Grünen setzen sich für ein grundlegendes Umdenken in der Bremer Bildungspolitik ein: Nicht länger früh sortieren, sondern alle Kinder und Jugendlichen gemeinsam bis Klasse 9 unterrichten. Wir wollen niemanden mehr in Begabungsschubladen sortieren, sondern die Interessen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt der Schule stellen. Das bedeutet, dass wir eine Schule brauchen, in der es mehr Zeit für individuelle Förderung gibt. Eine Schule, in der eine andere Lern- und Unterrichtskultur bei SchülerInnen und LehrerInnen gelebt wird, eine Schule in der alle Kinder in der Regel gemeinsam unterrichtet werden. Eins Schule in der es kein Sitzen bleiben gibt. Wir streben ein einheitliches Bildungssystem an, dass vom Kindergarten bis zum Abitur aufeinander aufbaut. Kinder sollen wie in den skandinavischen Ländern auch ganztags bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen.
Diese grundlegende Reform ist nicht von heute auf morgen zu erreichen, vor allem nicht in Bremen allein, dennoch können Veränderungen gemacht werden, die in diese Richtung arbeiten:
- Die Grünen setzen sich für einen Umbau des Bildungssystems von unten ein. Ziel: Das Fundament muss verbessert werden. Die Verbesserung des Bildungssystems muss die Familienbildung und die Elementarpädagogik mit einbeziehen. Ernstmachen mit der Stärkung des frühkindlichen Lernens und Verzahnung von Kindergarten und Grundschule.
- Wir wollen verbindliche Kooperationen zwischen Schulen fördern. Kooperationen zwischen Grundschulen und Integrierten Schulen sollten intensiv unterstützt werden.
- Die Schulen sollten stärkere Verantwortung für die ihr anvertrauten Schülerinnen und Schüler übernehmen. Warum sollten nicht alle SEK I Schulen alle Bildungsabschlüsse anbieten?
- Kindgerechte Lernkultur fördern. Ganztagsschulen sind kein Allheilmittel, bieten aber die Chance eine neue Lern- und Lehrkultur zu etablieren. Ganztagsschulen gibt es nicht zum Nulltarif. Sie sind aber eine sinnvolle Investition in die Zukunft.
- Schulische Autonomie ist ein wichtiger Schlüssel für bessere Bildung. Weg vom Gängelband des Ressorts.
PISA muss neu buchstabiert werden: Permanent Integrieren Statt Aussortieren!
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