|
Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Januar 2008 16.01.2008 Disziplinierung von Lehrern ist kein... | ||||||
| 16.01.2008 Disziplinierung von Lehrern ist keine Lösung von Gewalt | ||||||
| von der Betriebsgruppe Wilhelm-Kaisen-Schule | ||||||||||||||
| Wie an jedem anderen SekI Zentrum gibt es auch an der Wilhelm-Kaisen-Schule Schüler, die schwierig und einige wenige, die überhaupt nicht zu beschulen sind. Diese Schüler zeichnen sich durch häufiges Schwänzen, Verweigerungshaltung, übermäßigen Drogenkonsum, Gewalttätigkeit und Straftaten aus. |
| |||||||||||||
| Wie an jedem anderen SekI Zentrum gibt es auch an der Wilhelm-Kaisen-Schule Schüler, die schwierig und einige wenige, die überhaupt nicht zu beschulen sind. Diese Schüler zeichnen sich durch häufiges Schwänzen, Verweigerungshaltung, übermäßigen Drogenkonsum, Gewalttätigkeit und Straftaten aus. Am 20.November erschien der zu dieser Gruppe gehörende Serdar A. mit zwei Freunden, die beide nicht mehr auf die Wilhelm-Kaisen-Schule gehen, in der zweiten großen Pause, um mit einem Schüler „etwas zu klären“. Im Rahmen der „Klärung“ verlagerte sich das Geschehen außerhalb des Schulgeländes, Serdar A. zog ein Messer, stach auf seinen Kontrahenten ein und verletzte ihn nicht unerheblich. Durch das beherzte Eingreifen von Schülern unserer Schule konnte der Täter entwaffnet werden und dem Kontaktpolizisten, der an diesem Tag an unserer Schule war, übergeben werden. Serdar A. kam für eine Nacht in Untersuchungshaft, sein Kontrahent für die gleiche Zeit ins Krankenhaus. Beide wurden am nächsten entlassen. Der eine, weil er einen festen Wohnsitz hat, der andere, weil sich die Verletzung als nicht so schwerwiegend herausstell-te. Am nächsten Tag, dem 21. November erschien ein Artikel im Weser-Kurier, in dem der Name der Schule genannt und über den Vorfall berichtet wurde. Einen Tag später legte der Weser Kurier noch einmal nach und berichtete unter der Überschrift „Schüler doch nicht so schwer verletzt“: „Nach Angaben der Bildungsbehörde hat die Schule bislang noch keine Maßnahmen beschlossen. Auch seien der Schulpsychologe und das Zentrum für schüler-bezogene Beratung noch nicht hinzugezogen worden.“ (WK, 21.11., S. 10) Da dieses überhaupt nicht den Tatsachen entsprach, verfasste die GEW-Betriebsgruppe eine zweiseitige Erklärung, in der der Vorfall von allen Seiten beleuchtet wurde, unter anderem wurde auf die sofortige Reaktion der Schule hingewiesen, die Arbeit der Schule mit schwierigen Schülern dargelegt, die mehrfache Meldung an die vorgesetzte Behörde über diesen Schülern aufgezeigt und die offensichtliche Fehlinformation der Bildungsbehörde an die Zeitung klargestellt. Schaden, der der Schule durch diese Berichterstattung zugefügt wurde (Im Februar melden Eltern ihre Kinder in Schulen an.), sollte so vermindert werden. Als Reaktion auf diese Erklärung kam es nicht zu einer Auseinandersetzung um das offensichtliche Versagen der Behörde in diesem Fall und um die Konzeptionslosigkeit im Umgang mit pädagogisch nicht erreichbaren Schülern im Allgemeinen, sondern der für die Presseerklärung verantwortliche Werner Bojert bekam eine Einladung zu einem Dienstgespräch, um „insbesondere Ihren Umgang mit den Medien“ zu besprechen. In einem Vorbereitungspapier der Behörde heißt es u.a.: „Die Kontaktaufnahme mit der Presse wegen angeblicher Missstände ist grundsätzlich nicht zulässig. Lediglich als ultima ratio, wenn alle anderen geeigneten Mittel nicht mehr greifen, kann der Beschäftigte dieses Mittel wählen. Eine solche Ausnahmesituation sehe ich hier nicht.“ Gleichzeitig geriet die Schulleitung schwer unter Druck: Lückenlos mussten Dokumentationen über den Schüler vorgelegt werden, ein Krisengespräch in der Behörde jagte das nächste und obwohl die Schulleiterinnen ein Verbot hatten, über sämtliche in der Behörde getroffenen Vereinbarungen zu sprechen, waren etliche Kollegen der Meinung, dass es um die Köpfe der Schulleitung ging. Auf Initiative des Schülerbeirats wurde eine eindrucksvolle Demonstration durchgeführt, an der mehr als 500 Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Kaisen-Schule teilnahmen. Sie stellten sich eindeutig hinter ihre Schule und machten schon vor dem morgendlichen Unterricht der Neustadt klar, dass sie ihren Schulalltag friedlich, gemeinsam und trotz aller Konflikte gewaltfrei verbringen. Die Eltern standen von Anfang an hinter der Schule. Zwei Tage nach dem Vorfall fand eine Elternbeiratssitzung unter Beteiligung der Schulbehörde statt. Die Eltern legten der Behörde verschiedene Fragen vor:.- “Warum wurde der betreffende Schüler (Täter der Messerstecherei) zu dem Zeitpunkt noch an der Wilhelm-Kaisen-Schule beschult, obwohl er seit einem längeren Zeitraum als unbeschulbar gilt? Wie sieht die künftige Verfahrensweise innerhalb Ihrer Behörde aus, um in solchen bzw. ähnlich gelagerten Fäl-len schneller zum Ergebnis zu kommen und sich Überprüfungen nicht monatelang erstrecken?“) – und forderten die Behörde auf, weil eine direkte Beantwortung nicht möglich schien, diese Fragen innerhalb einer Woche zu beantworten. Als dieses nicht geschah, wandten sich die Eltern direkt an die Senatorin. Dieses Gespräch hat mittlerweile stattgefunden. Darin wurde deutlich, dass es in der Kommunikation zwischen der Senatorin und ihrer Behörde in diesem Fall nicht wirklich geklappt hat. | ||||||||||||||
| Inzwischen schlug der Fall sowohl in der Presse als auch auf Schulleiterebene als auch bei der GEW und den betroffenen Kollegen hohe Wellen. Es ging um die Frage, wem im Falle Serdar A. Fehler nachzuweisen wären und was eine GEW-Betriebsgruppe im Rahmen einer solchen Diskussion darf und nicht darf. Während ein Teil der Behörde offensichtlich für harte Maßnahmen gegen die Schule plädierte und damit statt inhaltlicher Auseinandersetzung eine formale Disziplinierung bevorzugte, sagte die Senatorin gegen-über dem Personalrat zu, dass es zu keinen Disziplinierungen kommen würde. So wurde aus dem Dienstgespräch des Kollegen Bojert ein dienstliches Gespräch, der Druck auf die Schulleitung wurde gemindert und der Wilhelm-Kaisen-Schule ein Gespräch mit der Senatorin Anfang Januar zugesagt. | ||||||||||||||
| Schlussfolgerungen | ||||||||||||||
| Die wütende Aufregung und Hektik der ersten Tage hat in der Schule inzwischen einer eher sachlichen und konstruktiven Gesprächsatmosphäre Platz gemacht: Welche Schlussfolgerungen sind aus dem bedauerlichen Vorfall zu ziehen. 1. Die Kompetenz im Umgang mit schwierigen Schülern liegt in den Schulen. Die Schulbehörde muss diese Kompetenz anerkennen und stützen. Erst wenn Maßnahmen nicht mehr greifen, wird die vorgesetzte Behörde einbezogen. Da nutzt es niemandem, wenn den Lehrern mit Misstrauen und dem Vorwurf der Inkompetenz begegnet wird. 2. Es muss festgestellt und eingestanden werden, dass es Schüler und Schülerinnen gibt, die wir trotz Sozialpädagogen in den SekI-Zentren, trotz Fortbildung der Lehrer und trotz intensiver Arbeit nicht erreichen können. Diese Schüler haben sich wegen mangelnder Er-ziehung u. a. so weit von den Normen und Werten, die wir vermitteln sollen, entfernt, dass sie unbeschulbar sind. Sie bringen durch ihre Aggressivität, ihre Kriminalität und ihre Ablehnungshaltung jede Schule in Bedrängnis. 3. Die Aufhebung der Schulbezirke und die politisch gewollte Konkurrenz zwischen den Schulen hat dazu geführt, dass Probleme lieber verschwiegen werden statt sie zu benen-nen. Diese Probleme müssen von den Schulen eingestanden werden, damit nicht nach der Devise gehandelt wird: Was interessieren mich die Probleme anderer Schulen, so-lange es an meiner Schule ruhig ist. Eine gute Möglichkeit hierzu wäre die Schulleiterdienstbesprechung am Dienstag vor den Weihnachtsferien gewesen. Hier sollte dieses Thema diskutiert werden, leider wurde diese Besprechung seitens der Behörde abgesetzt. 4. Prävention ist leider nicht messbar, aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie die preiswertere Variante ist. Für die oben beschriebenen Schüler muss es daher pädagogische Angebote geben, in denen es möglicherweise einen Mix aus Arbeits- und Unterrichtsangeboten mit intensiver pädagogischer Betreuung gibt, z. B. kleine Gruppen mit einem Lehrer, einem Sozialpädagogen und einem Handwerker bei psychologischer Begleitung. Solche kleinen Einheiten haben vielleicht noch eine Chance, Schüler zu errei-chen, die wir im normalen Schulgeschehen nicht mehr auffangen können. Ein solches Projekt kann allerdings keinesfalls aus den bestehenden Betreuungsprojekten heraus fi-nanziert werden. Die Sozialpädagogen an den SekI-Zentren arbeiten derzeit präventiv und ihre Konzepte sind und dürfen nicht auf Einzelfallbetreuung ausgerichtet sein. 5. Ein solches Angebot sollte eng vernetzt im jeweiligen Stadtteil arbeiten; denn was nutzt es, wenn Jugendfreizeitheim, Kontaktpolizist, Jugendamt und andere Institutionen vereinzelt an den gleichen schwierigen Jugendlichen vor sich hin arbeiten, statt sich bei immer schlechter werdenden Ressourcen gemeinsam um verhaltensauffällige Schüler zu kümmern. Die Organisation eines solchen Prozesses und nicht die Disziplinierung einzelner Lehrer sollte Aufgabe von Schulbehörde sein. | ||||||||||||||