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13.07.2006 Dumme Jungs und zickige Mädchen

Martin Korol
„Dass die Behörde die wirklichen Probleme einer Schule lieber nicht wahrnimmt, konnten wir doch gerade wieder bundesweit an der Rütli-Schule in Berlin beobachten“, schrieb Barbara Leysieffer in der BLZ vom Juni. Dabei sind die Probleme, wie sie sich dort zeigten, noch am sichtbarsten: Dort demonstrierten Jungs aus bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund ihre Respektlosigkeit gegenüber Bildung und Geist und LehrerInnen. Den meisten dieser Jungs fehlt der Wille zum sozialen Aufstieg und zu lernen, also eben das, was die amerikanische Einwanderergesellschaft erfolgreich machte und ohne das jedes Fußballteam sein Spiel verliert: „Man muss den Ball wollen“, sagte Heinz Meyer, im Moment Trainer des 1. FC Nürnberg. Recht hat er. Der Geist weht, wo er will, aber er kommt nicht ungerufen. Will ein Schüler nicht lernen, könnte der Lehrer auf dem Tisch tanzen, es nützte nichts. Es ist auch nur bedingt eine Frage der Angebote und des Geldes. Selbst wenn wir den gesamten Wehretat für Bildung ausgeben würden, wäre das umsonst, solange der Bildungshunger fehlt.
Von männlicher Aggressivität und Verachtung von Aufklärung, Toleranz und Liberalität durch kleine Patriarchen und Chauvis aus feudalistischen Ländern blieb ich ziemlich verschont, und wenn es mich mal erwischte, erlebte ich manch Waterloo. Ich hatte eher Schwierigkeiten anderer Art.
Mir kamen in fast jedem Jahrgang Schülerinnen unter, die sich urplötzlich in unangenehmster Weise veränderten, vorzugsweise in den Klassenstufen 8 und 9. Gestern waren sie noch interessiert, zauberhaft, fleißig, intelligent und eher überangepasst gewesen, heute führten sie sich geradezu als „Zimtzicken“ auf. Sie störten meinen Unterricht, mitunter nach Art der Jungen, aber das weniger. Sie hatten und machten Probleme anderer Art, unauffälliger, aber nicht weniger wirksam. Über die Zeit hinaus, die gemeinhin eine Pubertät dauert, beschäftigte sie nur noch die Frage, wie sie ihre Akzeptanz in der Gruppe, in der sie sich bewegten, durch die Veränderung ihres Outfit verbessern könnten. Eine Zeit lang war bei den Mädchen „bauchfrei“ Mode – in allen Variationen: Tattoo, Diamant, Strass, gepierct. Das war diesen Girlies ungeheuer wichtig. Mitunter versuchte ich, sie zu bekehren: „Yvonne, Du weißt, ich bin Moslem. Wie wäre es mit einem längeren Pullover oder einem Unterhemd?! Vielleicht in Seide und in Schwarz.“ Yvonne sagte nichts, tuschelte nur mit der Banknachbarin. Am Abend rief mich zuhause (das darf man bei Lehrern) ihr Vater an, den sie auf mich angesetzt hatte, und stellte mich zur Rede. Ich hätte mit meinen Bemerkungen seine Tochter „schwer verletzt”. Ich hasse solche Phrasen.
Diese Girlies interessierte fast nur noch ihre Außenwirkung. Inhalte und Lernmethoden waren ihnen ziemlich egal. Zu Ende des Schuljahres, wenn es um Noten und das Abschlusszeugnis ging, begannen einige von ihnen zu kämpfen, dann aber mit Klauen und Zähnen, mitunter auch mit Hilfe eines Rechtsanwalts.
Mein Lieblingsfach ist Geschichte. Einmal kontrollierte ich zu Stundenbeginn die Hausaufgaben. Klasse 10, Gymnasium. Eigentlich macht man das da nicht mehr, aber hier musste es sein. Drei Fragen über den Kalten Krieg oder eine Europa-Karte mit dem Eisernen Vorhang waren aufgegeben. Ann-Kathrin hatte zuhause nichts gemacht, wieder nicht. Sie setzte an, mir lang und breit zu erklären, warum. Ich kenne rund 50 Ausreden. Womit sie kam, kannte ich und winkte ab. Sie war empört: „Sie hören mir ja gar nicht zu, Herr Reichpietsch!“. Nein, ich hörte ihr nicht zu. Ich wollte es nicht. Ich liebe Gespräche, gern auch „auf derselben Augenhöhe“, wie es neudeutsch heißt, am liebsten Gespräche über Inhalte, und wenn es um das Verhalten von SchülerInnen geht, möchte ich spüren, dass da jemand für sich Verantwortung übernimmt und sich nicht nur als Opfer präsentiert oder sein Versagen bagatellisiert: „Das habe ich ja nur gemacht, weil meine Mutter/ mein Vater/ Sie/ Herr Soundso …“. Zuhause hat Ann-Katrin mit ihren Ausreden und Rechtfertigungen Erfolg. Ihre Eltern sind geschieden, Mama und Papa buhlen um ihre Gunst. Jetzt war sie beleidigt. Den Rest der Stunde schwieg sie provokant.


(Martin Korol, geb. 1944, unterrichtet an einer Gesamt- und Ganztagsschule in Bremen. Seit 1968 Sozialdemokrat und Gewerkschaftler. Verheiratet, drei Kinder).

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