| Susanne Gondermann (Vorsitzende der Bundesfachgruppe Gesamtschulen)
| 
|
|  |
| Während UN-Beauftragter Vernor Munoz Villalobos das deutsche Schulsystem inspiziert und zu dem Ergebnis kommt, dass die frühe Verteilung von Schüler keine Probleme löse und damit das gegliederte Schulsystem in der Bundesrepublik aus UNO-Perspektive in Frage stellt, treten BildungspolitikerInnen mit einer scheinbar neuen Idee vor die staunende Öffentlichkeit: dem zweigliedrigen Schulsystem. Ein zufälliger Anachronismus? Ein Blick auf die Positionen der bildungspolitischen Protagonisten verrät etwas anderes: „Es gibt Sorge, die Gesamtschulen würden abgeschafft“, fragt eine Journalistin den bildungspolitischen Sprecher der CDU in Hamburg, Robert Heinemann. Darauf antwortet dieser unumwunden: “ Das habe ich explizit so gesagt. Wenn wir ein zwei-gliedriges Schulsystem haben wollen, wollen wir nicht noch eines nebenher.“ (taz vom 11.11.2005: „Zwei Säulen Schule“) Die Position der CDU ist im Kern seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Sie kämpfte und kämpft als Bundes- und Landespartei konsequent gegen Gesamtschulen und gegen jede Form echter Integration. Dennoch sind die deutlichen Töne in Hamburg erstaunlich: Hamburg, so muss man wissen, ist ein Bundesland, in dem etwa 30% aller Schülerinnen und Schüler der 5. Klassen auf eine Gesamtschule gehen. Die meisten Gesamtschulen sind integrierte Gesamtschulen. Etliche der Gesamtschulen beginnen mit der Vorschule und enden mit dem Abitur. Das gut ausgebaute Ver-kehrsnetz und ein breites Schulangebot bieten Eltern durchaus auch andere Möglichkeiten. Es gibt fast überall Gymnasien, Haupt- und Realschulen sowie integrierte Haupt- und Realschulen. Dennoch entscheiden sich Jahr für Jahr etwa ein Drittel aller Eltern von Fünftklässlern für den Besuch einer Gesamtschule. Der Vorstoß des CDU-Politikers ist also ein Affront, ein Versuchsballon, den er sich zwei Jahre vor der nächsten Bürgerschaftswahl erfahrungsgemäß noch ohne Einbußen von Wähler-stimmen leisten kann. Die Frage ist dennoch, warum kommt denn dieser Vorstoß jetzt? Eine Analyse bildungspolitischer Statements offenbart Bewegung in der Schulstrukturdebatte. Geändert haben sich zwar nicht die Positionen der Konservativen, wohl aber die der SPD und der Gewerkschaften. Einzelne SPD-PolitikerInnen liebäugeln inzwischen selbst mit einem Zweisäulen-Modell. Manchmal als pragmatischer Spatz in der Hand, manchmal als scheinbar großer Wurf in Kombination mit dem „Haus des Lernens“, der „Gemeinschaftsschule“ oder der „Selbstständigen Schule“ oder am besten gleich als Mix von allem wird der Gedanken-Kleister angeboten. So heißt es schon im März 2003 bei den „Eckpunkten für einen Bildungspolitischen Orientierungsrahmen“ der SPD NRW: „Aber auch die demografische Entwicklung – der Rückgang der Schülerzahlen – setzt ein zu stark ausdifferenziertes System unter Druck, wenn alle unsere Schulen stark und leis-tungsfähig sein sollen. Wir werden deshalb unsere Schulstruktur reformieren müssen und wir wollen das auch ohne ideologische Scheuklappen, aber mit Augenmaß tun. (...) Der Gedanke der besseren Integration, die demografische Entwicklung und die Stärkung der einzelnen Schule weisen auf eine Zukunft mit einem zweisäuligen Schulsystem.“ Auch die GEW muss sich fragen lassen, was sie zur Klärung schulstruktureller Prob-leme beizutragen hat: Ihr Änderungsvorschlag zum Entwurf des bildungspolitischen Leitantrags des DGB vom 22.12.2005 lautet: „Herausforderung 7. Durchlässigkeit als Voraussetzung für lebenslanges Lernen gewährleisten – „Recht auf zweite Chance“. Das deutsche Bildungssystem ist unübersichtlich strukturiert, voller Barrieren und Hürden, schwer durchschaubar und mobilitätshemmend. Bildungsgänge und Über-gänge sind intransparent und gestalten sich oft schwierig. Es fehlt an individueller Beratung und Förderung, dies mindert die Bildungsbeteiligung. Wir wollen ein einfach strukturiertes und funktionales Bildungssystem mit durchlässigen Übergängen, damit jeder Mensch zu jeder Zeit seine Fähigkeiten frei entwickeln kann. Dazu gehört auch ein umfassendes Beratungssystem.“ Das ist alles? In diesem Antrag ist es leider so. Und das nun wiederum ist vielleicht kein Zufall.
Das zweigliedrige Schulsystem ist ein uralter Hut. Ein Teil des Schulsystems wird mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten, mehr oder weniger praxisfern, mehr oder weniger schülerInnen-orientiert, mehr oder weniger projektorientiert, mit und ohne Portefolios, mit und ohne Berichtszeugnissen, aber auf jeden Fall abgetrennt. Das ist der eigentliche Kern des zweigliedrigen Schulwesens, aus der Bildungsgeschichte auch als höheres und niederes Schulwesen bekannt. Dass, was integrierte Gesamtschulen heute schon leisten, die Integration aller drei Bildungsgänge, soll zurückgedreht werden. Dass Gesamtschulen darüber hinaus noch mehr bringen müssen und teilweise darin auch erfolgreich sind, weiß jeder, der sich mit Gesamt-schulpädagogik und der Geschichte der Gesamtschulen beschäftigt hat. Natürlich erschwert die politisch gewollte und nach wie vor ins Gesamtschulsystem verklettete Fachleistungsdifferenzierung die umfassende Förderung von SchülerInnen. Einige Gesamtschulen haben sie bereits erfolgreich überwunden, andere arbeiten daran. Natürlich beeinträchtigt der Zwang zur Zensurengebung, in fast allen Bundesländern schon vor dem 8. Jahrgang, ein differenziertes Feedback. Es ist schwer etwas dagegen zu setzen. Viele Gesamtschulen haben auch das geschafft. Die Mängelliste ließe sich fortsetzen, die der Pleiten und Erfolge auch. Man muss diese Mängel dennoch richtig interpretieren: Es handelt sich um den Hürdenlauf bei der Einrichtung integrierter Systeme. Ärgerlich genug! Das Zweigliedrige Schulsystem oder Zwei-Säulen-Modell ist dagegen die Abkehr von diesem Weg, ein alter Hut, löchrig und verschlissen.
| |
|
 |  |  |  |  |  |  |