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16.07.2008 Faschismus und Neonazis – ein wichtiger Themenschwerpunkt am Förderzentrum Kerschensteinerstraße

von Klaus Beer
Unterrichtsthemen mit sozialkritisch-historischem Hintergrund sind auch an Förderzentren nicht eben leicht ertragreich zu vermitteln. In der Spannung von Anfälligkeit gegenüber der Demagogie von Neofaschisten heute und der Opferrolle der Unterprivilegierten durch Ausgrenzung, Unterdrückung und Vernichtung während der Zeit des Naziterrors, hat die unterrichtliche Bearbeitung des gegenwärtigen Faschismus eine besondere Bedeutung.
Die notwendige Bewusstmachung der Alltäglichkeit des Faschismus ist im Unterricht kein Lernvorgang wie andere – sie fordert Engagement und produziert Betroffenheit bei allen Beteiligten!

Seitenabschnitte:

 Faschismus_und_Neonazis.pdf
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In der 10. Jahrgangsstufe an unserem Förderzentrum lernen SchülerInnen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen. Sie haben vielfach ihre ganz eigenen, oft als bedrohlich erlebten Erfahrungen mit dem rechten Alltag, etwa als Opfer des tagtäglichen Rassismus vor dem Hintergrund ihrer ethnischen Geschichte oder durch „Anmache“ und drängende Anwerbungsversuche rechter Gruppen.
In der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit den historischen Fakten und gegenwärtigen Erscheinungen des Faschismus, den Neonazis und ihren Aktivitäten haben wir das in bedrückender, aber auch in mutmachender Weise erfahren.

Aus diesen Gründen haben wir uns entschlossen, den Themenschwerpunkt „Faschismus“ zu einem Kernstück unseres Unterrichtes in diesem Jahrgang zu machen. Das spontane Interesse und die aufkommenden Fragen der SchülerInnen nach der Lektüre eines Zeitungsartikels über die Neonazi-Szene in Bremen-Nord , sowie die aktive Unterstützung unseres engagierten Kollegiums am Förderzentrum Kerschensteinerstraße haben uns bestärkt, das Themenfeld dann noch umfassender und systematischer für unseren Unterricht zu öffnen. Wir haben uns dabei u.a. auch mit literarischen Bearbeitungen des Faschismus beschäftigen können:

Zunächst verknüpften wir Informationen aus der Zeit des Nazi-Terrors, etwa Zeitungsberichte zum Verbot der „Bremer Volkszeitung“ und der „Arbeiter-Zeitung“ 1933 , sowie regionale Lernorte, wie die U-Bootsbunkerwerft „Valentin“, sowie den Besuch des „Industrie Museums Delmenhorst“, in dem seinerzeit KZ-Häftlinge unter schwersten Bedingungen schuften mussten . Besonders nahe ging uns ein Bericht des Weserkurier aus dem Jahre 1999 zu einem Fund im Vegesacker Gesundheitsamt, in dem unter dem Titel: „Sitzenbleiben – Diagnose; Schwachsinn“ darüber berichtet wurde, wie Schüler mit Lernproblemen in die NS - Maschinerie geraten und „aus dem Erbstrom ausgeschaltet“ werden konnten. „ Wer in der Schule mangelnde Leistungen zeigte, konnte schon wegen Schwachsinns unter die Bestimmungen der nationalsozialistischen Erb – und Rassegesetze fallen.“ Weiter informierten wir uns über die „Stolpersteine“- Aktion, mit der heute auf jüdische Mitbürger und ihr Schicksal aufmerksam gemacht wird.
Ein historischer Rückblick besonderer Art war der die Unsinnigkeit des Krieges und der Naziideologie anprangernde Film: „Die Brücke“, in der eine Gruppe von Schülern am Ende des II Weltkrieges in ihrer Stadt eine Brücke verteidigen soll!


Als das Regime an einem einzigen Tage
Tausend Menschen erschlagen ließ, ohne
Untersuchung noch Gerichtsurteil
Pries der Propagandaminister die unendliche Geduld des Führers
Der mit der Schlächterei so lange gewartet
Und die Schurken mit Gütern und Ehrenstellen überhäuft hatte
In einer so meisterlichen Rede, daß
An diesem Tage nicht nur die Verwandten der Opfer
Sondern auch die Schlächter selber weinten.


Bertolt Brecht
aus: Notwendigkeit der Propaganda


Im Rahmen eines DGB-Jugendseminar in „Sachsenhain“/ Dörverden erfuhren wir gleichfalls Zusammenhänge der Naziszene und ihrer dumpf-mythologischen Bezüge auf scheinbar historische Vorgänge, wie etwa die Sachsenkriege der Karolingerzeit.
Im Unterricht erarbeiteten wir uns Informationen zum Widerstand der Vulkan – Arbeiter gegen die Faschisten, aber auch zum Widerstand an Bremer Schulen, etwa durch den Pädagogen Hermann Böse.
Die Verfolgung der Sinti und Roma während des faschistischen Terrors bildete einen weiteren Schwerpunkt unserer unterrichtlichen Aktivitäten.

Darüber hinaus informierten wir uns im Rahmen eines Seminars im Lidice-Haus zum Thema „Nazis in Bremen“ über die vielfältigen und oft aggressiven Kampagnen der Neonazis, neue Mitläufer zu gewinnen. Wir erfuhren etwas über die Hintergründe des Namens des Lidice-Hauses und die Verbrechen des Nazipolizisten Heydrich. Besonders beunruhigend blieb uns ein Film über Aktivitäten der Neonazis in und um Bremen im Gedächtnis, in dem auf die aggressiven und gleichzeitig trendnutzenden Strategien der Neonazis hingewiesen wird, mit denen sie ihre Musik, ihre Flyer, ihre Outfits und ihre versteckten Logos, sowie ihre Propaganda im Internet, auf Ständen und in besonderen Läden anbieten.

Die „Geschichte“ des polnischen Jungen Walerjan Wróbel hat uns besonders angesprochen. Als Schüler aus Polen deportiert, in Lesum zur Arbeit bei fremden Leuten gezwungen, wird Walerjan wegen einer geringfügigen Sache vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im Alter von 17 Jahren in Hamburg hingerichtet Unsere Schüler sind um 17 Jahre alt, der Junge wohnte hier bei uns und er wurde in Bremen von Nazirichtern zu einer heute für uns unvorstellbaren grausamen Strafe verurteilt! Der Unterrichtsgang zum heutigen Walerjan Wróbel-Weg und zu der Gedenktafel war schon bedrückend, weil er uns vor Augen führte, wie der Einzelne der brutalen Wirklichkeit des Faschismus hilflos gegenüberstand!
Wir haben durch die enge Verknüpfung „historischer“ Fakten und aktueller Informationen versucht, zwischen den Verbrechen der Faschisten während der Zeit des Naziterrors und den Verharmlosungen der „Neonazis“ heute Zusammenhänge aufzuzeigen, um unsere Schüler einerseits zu einer kritischen Haltung gegenüber den aktuellen Neonazis zu bringen, aber auch um ein klareres Bild der deutschen Nazivergangenheit zu haben.

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