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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ April 2008 16.04.2008 Feminismus heute | ||||||
| 16.04.2008 Feminismus heute | ||||||
| von Prof. Dr. Ute Gerhard | ||||||||||||||||||||
| Immerhin reden wir heute wieder darüber, über das F-Wort. Frau kann es nach Belieben übersetzen - es muss nicht unbedingt ,Feminismus' heißen, sondern passt auch für ,Frauen', ,Freiheit' oder ,Fun'. Als sogenannte Alt-Feministin habe ich inzwischen gelernt, die Distanzierung jüngerer Frauen vom Feminismus zu verstehen. Wer will schon, selbstbewusst, klug und möglicherweise erfolgreich durchgestartet, auf Frau-Sein oder gar Feminismus festgelegt werden. |
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| Alphamädchen? | ||||||||||||||||||||
| Was jedoch irritiert, ist die Tatsache, dass die ,neuen' Frauen meinen, die Verhältnisse durch individuelle Leistung stemmen zu können. Sie sind es, die in der "F-Klasse" reüssieren, wie die Schriftstellerin Thea Dorn diese Frauen getauft hat, die kürzlich im Spiegel als "Alphamädchen" gefeiert werden. Es ist dies die Verweigerung von Mitgefühl und Solidarität für alle, die nicht so gelagert sind, dass sie kraft individueller Leistung in die Klasse der Karrierefrauen aufsteigen und sich nur mit Hilfe anderer Frauen ein Familienleben leisten können. Auch wenn Thea Dorn einräumt, dass "das Rad der Emanzipation nicht neu erfunden werden müsse", so lautet doch ihre Botschaft: "Warum nicht zugeben, dass es in diesem Buch nicht um Frauensolidarität um jeden Preis geht, sondern um eine bestimmte Klasse von Frauen, die sich (...) einzig und allein durch das von ihr erreichte definiert?" Die Wiederauflage von Individualisierungstheorien und ein neo-liberaler common sense sorgen dafür, dass Konzepte wie Solidarität, Quotierung oder institutionelle Formen der Frauenförderung für überholt, ja, ideologisch gehalten werden. "Wer heute diskriminiert wird, ist selbst schuld", heißt es dann. Damit aber sind die Problematiken, die von der ehemals neuen Frauenbewegung mühsam auf die Agenda gesetzt wurden, unbemerkt wieder privatisiert worden. Das, mit Verlaub, ist kein Feminismus. | ||||||||||||||||||||
| Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung | ||||||||||||||||||||
| Tatsächlich ist die Modernisierung der Geschlechterverhältnisse doch nur sehr einseitig und unvollständig gelungen. Zwar gehen junge Frauen heute anders als ihre Mütter selbstverständlich davon aus, dass sie berufstätig sein werden. Dass gleichwohl in allen späteren Karrierestufen, bis zu den Führungspositionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik der Frauenanteil dramatisch abnimmt, ist das Ergebnis jener nach wie vor wirksamen strukturellen Barrieren, die auch als ,gläserne Decke' beschrieben werden. So lassen sich die in die Strukturen eingelassenen Ungleichheiten nach wie vor an der schlechteren Stellung der Frauen im Beruf, den niedrigeren Einkommen oder der im Vergleich zu Männern miserablen sozialen Absicherung im Alter ablesen. Zugleich kommen die neuen Lebensmuster junger Frauen einer ,kulturellen Revolution' gleich. Doch die kulturelle Modernisierung der Geschlechterverhältnisse ist den durch Ungleichheit geprägten Verhältnissen und der alltäglichen sozialen Praxis von Männern und Frauen weit vorausgeeilt. Zentrum der Ungleichheit im Geschlechterverhältnis ist noch immer die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und zwar insbesondere in Bezug auf die private Alltagsarbeit wie auch im Hinblick auf den immer noch nach Geschlecht geteilten Arbeitsmarkt. | ||||||||||||||||||||
| "Dritte Welle" des Feminismus... | ||||||||||||||||||||
| Dabei hatten Frauenbewegung und Frauenforschung auf keinem anderen Feld so radikal angesetzt und eine Revolution in den Köpfen vorbereitet. Die Kritik der traditionellen Arbeitsteilung, insbesondere an der Abwertung und Unsichtbarkeit der Haus- und Erziehungsarbeit, war der Aufhänger politischer Kampagnen und ein Motor der sozialen Bewegung der Frauen weit über das akademische Milieu hinaus. Ein neuer, erweiterter Arbeitsbegriff, der alle Tätigkeiten der Pflege, Erziehung und Sorge für andere (,care') umfasst, ist bis heute der Dreh- und Angelpunkt feministischer Analysen und einer notwendig anderen, nicht nur am Arbeitsmarkt ausgerichteten Sozialpolitik. Der Skandal liegt heute darin, dass trotz aller Kämpfe und Einsichten auch die heute junge Frauengeneration den gleichen Barrieren in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gegenübersteht wie ehedem. Denn obwohl Frauen und Männer im jungen Erwachsenenalter heute einander so ,gleich' sind wie niemals vorher, übernehmen Frauen in Paarbeziehungen, sowie Kinder geboren werden, den Hauptteil der Familien- und Hausarbeit und stellen ihre beruflichen Ambitionen zumindest zeitweise zurück. Wenn nun ausgerechnet eine Familienministerin der christlich Konservativen das ,heiße' Eisen fehlender Krippenplätze und die frühkindliche gesellschaftliche Erziehung zu ihrem Thema macht, so fragt sich, ,wo die Frauen sind', die jenseits Parteienstreits nur gemeinsam so stark sein können, um Allianzen zu bilden und politischen Druck zu erzeugen. Und wir versäumen bei all unseren verspäteten innerdeutschen Geschlechterdebatten, dass sich seit den 1990er Jahren international vielfältige Frauennetzwerke und transnationale neue Frauenbewegungen gebildet haben, die sich, auch mit Hilfe von EU und UNO durchaus bereits als ,dritte Welle' des Feminismus definieren und vielfältig Einfluss nehmen. Um hier den Anschluss nicht zu verpassen, müssten wir allerdings auch pragmatischer werden und die bundesrepublikanisch so tapfer verteidigten unterschiedlichen Handlungsfelder von Frauen- und Gleichstellungspolitik, feministischer Wissenschaft und Frauenbewegung strategisch bündeln – und auch Männer, die etwas verstanden haben, einbeziehen. (Gekürzt, erschienen in der TAZ am 23.August 2007) | ||||||||||||||||||||
| Die Autorin | ||||||||||||||||||||
| Prof . Dr. phil Ute Gerhard Institut für Sozialforschung in Frankfurt | ||||||||||||||||||||