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16.07.2007 Julius Bamberger, Emil Felden und Richard von Hoff

Zur Erinnerung an ein vergessenes Kapitel der Bremer Volkshochschule
von Jörg Wollenberg
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100 Jahre vor dem Einzug der Bremer Volkshochschule in das Bamberger-Haus begann die Aufsehen erregende Berufskarriere von drei Repräsentanten des gesellschaftlichen Lebens in Bremen, die unterschiedlicher und entgegen gesetzter nicht sein konnte: Julius Bamberger, Emil Felden und Richard von Hoff. Alle drei nahmen 1907 ihre Tätigkeit in Bremen auf.

Seitenabschnitte:
Bremen als „Akademie der Arbeiterbewegung“
Der „völkischen Geist“ in der VHS
Gegenentwurf von Pastor Felden scheitert
Kein „Kulturdünger für fremde Völker“
„Abwehr jüdisch-marxistischer Zersetzung“
„Die Sünde wider das Volk“
Verspäteter Neuanfang nach 1945 mit einem Emigranten

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Bremen als „Akademie der Arbeiterbewegung“

Und das zu einem Zeitpunkt, als sich die Bremer Linke um Alfred Henke im Gefolge der rasanten Industrialisierung von der bürgerlich-philantropischen Volksbildungsvereinigung des „Goethe- Bundes“ gegen den Willen des Arbeitersekretärs Friedrich Ebert und von Pastor Albert Kalthoff getrennt und den von Heinrich Schulz, Heinrich Brandler und Wilhelm Pieck initiierten Bildungsausschuss von SPD und Gewerkschaftskartell gegründet hatte. 1907/08 kamen im Rahmen des Bremer Bildungsausschusses die Repräsentanten der Linken in der noch geeinten Sozialdemokratie zu Wort, u.a. Karl Kautsky, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Hermann Duncker und Anton Pannekoek. Letzterer wurde 1910 in Bremen - nach jahrelanger Referententätigkeit zum Streikrecht und zu Fragen von Religion und Sozialismus - als einer der ersten hauptamtlichen Weiterbildungslehrer und Berater der Arbeiterzentralbibliothek in Deutschland eingestellt (als „wissenschaftliche Hilfskraft“ mit großzügigen 4ooo Mark Jahresgehalt). Er machte Bremen bis 1914 zu einer Art „Akademie der Arbeiterbewegung“ mit zahlreichen Veranstaltungen im alten Gewerkschaftshaus mit der Arbeiterzentralbibliothek in der Faulenstraße 58-60, unweit vom Kaufhaus Julius Bamberger und dem Neubau von Radio Bremen. Ihn unterstützten die Lehrer, die als Mitglieder der Sozialdemokratie für die Abschaffung des Religionsunterrichts eintraten und dafür 1907 aus dem Bremer Schuldienst entlassen wurden (Eildermann, Döring, Holzmeier, Knief, Sonnemann).

Der „völkischen Geist“ in der VHS

In diesen Zeiten des von politischen Konflikten und der beginnenden Flottenaufrüstung geprägten Bremen mit inzwischen 250.000 Einwohnern gründete der 1880 in Schmallenberg/Meschede geborene Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie an der Doventorstraße das Warenhaus Julius Bamberger – an der Schwelle zwischen Innenstadt und den neu entstehenden Arbeitervorstädten in Walle und Gröpelingen. Der 1874 in Lothringen geborene Emil Felden, Sohn eines Gendarms und enger Studienfreund von Albert Schweitzer in Straßburg, begann am 1. Oktober 1907 seine Tätigkeit als Pastor an St. Martini, die durch ihn zu einer Arbeitergemeinde wurde. Und der 1880 geborene Sohn eines Rittergutsbesitzers aus Sachsenburg an der Unstrut, Ernst Richard Vonhof (ab 1919 Richard von Hoff) wurde 1907 als wissenschaftlicher Hilfslehrer, ab 1909 als Oberlehrer (Studienrat) an der Oberrealschule an der Dechanatstraße eingestellt. Seine Dissertation über das nordisch-germanische Kulturgut führte ihn mit Ludwig Roselius zusammen. Dieser hatte 1906 die Kaffee-Handels-AG (Kaffee-HAG) gegründet und prägte von nun an mit von Hoff den Verein für Niedersächsisches Volkstum, die Nordische Gesellschaft und die nordische Kunsthochschule. Von Hoff gab lange vor 1933 die Monatsschrift der Nordischen Bewegung „Rasse“ heraus, für „einige Jahre mit der von ihm nicht anders zu erwartenden wissenschaftlichen Gründlichkeit“, wie die „Bremische Biographie 1912-1962“ glaubte festhalten zu müssen (1969, 239).

Gegenentwurf von Pastor Felden scheitert

Der Frontoffizier des 1. Weltkrieges wurde am 2. November 1919 der erste Leiter der Volkshochschule in Bremen. Pastor Emil Felden scheiterte mit seinem Versuch der Gegengründung auf der Grundlage der Richtlinien des Preußischen Kultusminister Konrad Haenisch (SPD), weil die Arbeiterparteien weiter auf den „Rat für Arbeiterbildung“ setzten und eine Betriebsräte-Schule gründeten. Selbst die Bremer (M)SPD, die Felden zwischen 1921 und 1924 in der Bürgerschaft und im Reichstag vertrat, folgte dem Freund und Biographen von Friedrich Ebert nicht. Dagegen hatte sich von Hoff für die Tätigkeit durch die Gründung des Bundes niedersächsischer Volkshochschulen in Bremen ins Gespräch gebracht, dessen Ziel der „Pflege heimischen Volkstums“ galt.

Kein „Kulturdünger für fremde Völker“

Schon im August 1918 erschien seine zweite, vermehrte Aufsatzsammlung über „die „Niedersächsische Volkshochschule“ im Bremer Carl Schünemann-Verlag, mit der er an „das völkische Fühlen und Denken“ von Bruno Tanzmann und seiner „Denkschrift zur Begründung einer deutschen Volkshochschule“ anknüpfte, die 1917 im Hakenkreuz-Verlag in Dresden-Hellerau erschienen war. Im ersten Jahresbericht der Bremer Volkshochschule von1919/20 fasst Richard von Hoff noch einmal die Zielvorstellungen „seiner“ VHS zusammen: Mitzuarbeiten am „Wiederaufbau des Vaterlandes“, den „völkischen Geist“ zu fördern und der Gefahr zu begegnen, als Volk „Kulturdünger für fremde Völker“ zu werden (7ff.). „Völkischer Geist“, das „Volk als Blutsgemeinschaft“, als „Schicksals und Wertegemeinschaft“ blieben seine zentralen Begriffe auch in der Weimarer Republik. Sie zielten darauf ab, „Rassenfragen, Vererbungsprobleme und familiengeschichtliche Forschungen“ in den Mittelpunkt des Volkshochschulprogramms in einer Stadt zu stellen, in der Kaufmannschaft und Arbeiterbewegung die Kultur und Politik bestimmten.

„Abwehr jüdisch-marxistischer Zersetzung“

Es ist nicht bekannt, dass der ab 1928 wieder von der Sozialdemokratie mitgeprägte Senat die reaktionären Inhalte der als freier Verein mit geringer staatlicher Unterstützung arbeitenden Volkshochschule beanstandete. Wen wundert es - angesichts dieser Funktion der VHS als Vorläufer und Wegbereiter der nationalsozialistischer Volksbildung in Bremen - , dass Richard von Hoff, ab 1930 Mitglied der NSDAP, im März 1933 zum Senator für das Bildungswesen ernannt wurde und zum SS-Oberführer und Hauptschulungsleiter für Rassenfragen aufstieg.
Im Gegensatz zu anderen großstädtischen Volkshochschulen konnten die neuen Machthaber 1933 auf Entlassungen und Namensänderungen verzichten, nicht einmal eine Selbstgleichschaltung war vonnöten. Noch das Veranstaltungsverzeichnis der 1941 neugegründeten „Volksbildungsstätte Bremen“ hält fest: „Volksbildungsstätte Bremen, Traditionsträgerin der Bremer Volkshochschule, gegründet 1919 von Senator Dr. R. v. Hoff in Abwehr jüdisch-marxistischer Zersetzungsbestrebungen und zur Pflege völkischer Kulturüberlieferung.“ (vgl. Wollenberg u. a., Von der Krise zum Faschismus, 1983, S.39). Am 7. Mai 1945 verstarb Richard von Hoff (infolge eines Luftangriffs).


Seitenabschnitte:
Bremen als „Akademie der Arbeiterbewegung“
Der „völkischen Geist“ in der VHS
Gegenentwurf von Pastor Felden scheitert
Kein „Kulturdünger für fremde Völker“
„Abwehr jüdisch-marxistischer Zersetzung“
„Die Sünde wider das Volk“
Verspäteter Neuanfang nach 1945 mit einem Emigranten

„Die Sünde wider das Volk“

Pastor Emil Felden, einer der entschiedenen Gegner von Richard von Hoff in Bremen, Kämpfte auch außerhalb Bremens mit Vorträgen gegen den aufkommenden Antisemitismus und für die Sicherung der Menschenrechte. 1921 veröffentlichte er den Roman „Die Sünde wider das Volk“, eine deutliche Absage an das völkische Denken und den Antisemitismus von Arthur Dinter („Die Sünde wider das Blut“), der von Hoffs und vieler anderer. Unterstützung fand er bei Julius Bamberger, der die Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Bremen leitete und dem Hauptvorstand in Berlin angehörte. Zusammen veröffentlichten beide das Stichwortlexikon „Anti-Anti“ auf losen Blättern, das handliches und kostenloses Material für die Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus und gegen die Nationalsozialisten lieferte. Vergeblich. Felden und Bamberger gehörten zu den ersten, die von den Nazis verfolgt wurden. Felden jagten sie aus dem Amt, während Bamberger sein Leben durch rechtzeitige Flucht ins Ausland retten konnte. Im Gegensatz zu Julius Bamberger kehrte
Emil Felden 1953 aus dem Elsaß nach Bremen zurück. Gelegentlich tauchte er noch auf Diskussionsveranstaltungen der VHS auf und setzte sich für die Wahl des Emigranten und jugendbewegten Sozialdemokraten Fritz Borinski als Leiter der Bremer Volkshochschule ein.


Verspäteter Neuanfang nach 1945 mit einem Emigranten

Borinski (1903-1988) begann seine berufliche Karriere vor 1933 als Assistent von Theodor Litt in Leipzig und war Lehrer im Volkshochschulheim Schloss Sachsenburg, dem ehemaligen Stammsitz der Marktgrafen Vonhof. Er gehörte zu den führenden Köpfen der religiösen Sozialisten und der „Leuchtenburger“. Der aus politischen und rassischen Gründen verfolgte Mitherausgeber der „Neuen Blätter für den Sozialismus“ ging 1934 ins Exil nach London und kam 1947 als Leiter der Heimvolkshochschule Jagdschloss Göhrde nach Deutschland zurück. Kurz vor seinem Amtsantritt (Anfang 1954) in Bremen hatte er die politische Aufgabe der freien Volksbildung in seinem Hauptwerk „Weg zum Mitbürger“ als „Weg zur humanen und sozialen Demokratie“ definiert (1954, 227). Nach dem nicht besonders geglückten Neugründungsprozess von 1946 unter Hans Warninghoff und Albert Schulz begann so 1954 endlich die „wahrhaftige Auseinandersetzung mit den Mächtigen und den Nöten des heutigen Lebens“ (Borinski im Vorwort zum Arbeitsplan des Wintertrimesters 1954). Die besondere Rolle des VHS-Gründers Richard von Hoff und der „Sündenfall von 1919 bis 1945“ blieben jedoch ausgespart, selbst in seinem Grundsatzbeitrag zum „Sozialpolitischen Auftrag der Bremer Volkshochschule“ von 1956. Auch der Band zum 75. Geburtstag der Bremer Volkshochschule behandelt dieses Kapitel nur kursorisch (Schlutz u.a., Die Bremer Volkshochschule, 1995, S.18-31). Vielleicht könnte die Einrichtung eines Emil-Felden-Saales im Bamberger-Haus, dem neuen Zentralgebäude der Bremer Volkshochschule, den Anstoß dazu geben, endlich diesen vergessenen Abschnitt aufzuarbeiten.

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