| Thesen von Eberhard Pfleiderer | |
| 1. Bertelsmannisierung
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| „Bertelsmannisierung" soll der Oberbegriff für die Rationalisierungs- und Ökonomisierungsoffensive im Schulbereich sein, die seit ca. 15 bis 20 Jahren wesentlich durch die Bertelsmann-Stiftung vorangetrieben wird. Es geht um eine völlig revidierte Arbeitsorganisation auf verschiedenen Ebenen der Schulorganisation durch teilautonome Finanzverwaltung mittels Datensystemen und Kennziffern, Public-Private-Partnership, Ziel-Leistungsvereinbarungen zwischen den Schulen und der Behörde sowie Qualitätsmanagement, alles auf der Grundlage von Sozialtechniken aus der Großindustrie. Bertelsmannisierung bedeutet die neoliberale Verwaltungsreform, New Public Management genannt, auf das Schulwesen anzuwenden, ergänzt um zahlreiche Besonderheiten für den schulischen Arbeitsprozess.
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| 2. Pisa ?
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| Pisa ist nicht der Grund für die Bertelsmannisierung, sondern die Legitimationsformel für einschneidende Maßnahmen in der Öffentlichkeit.
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| 3. Finanzzuteilung und -steuerung
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| Ein erstes Kernelement der Bertelsmannisierung ist die Finanzzuteilung und -steuerung. Über die staatlichen Haushalte wird die Zerstörung aller Bereiche des ehemaligen sozialen Ausgleichs gesteuert. Die Bildungshaushalte werden zunächst wie alle anderen heruntergefahren, um einen Rationalisierungsdruck zu erzeugen. An Schulverwaltungen, Schulleitungen und LehrerInnen werden scheinbar plausible Gründe für den Systemwechsel herangetragen, die zur Steigerung der Qualität angeblich alternativlos sein sollen. Jedoch ohne den Druck der Unterfinanzierung wäre es nicht möglich, zunehmend private Finanzierung ins Spiel zu bringen und privaten Geldgebern einen Einfluss zu ermöglichen. Wie auch im Gesundheitswesen und in der Rentenfinanzierung, wird auf eine Sockelfinanzierung hingearbeitet. Diese soll das Unternehmen Schule zwingen, die Finanzierungslücke mit Unterstützung von außerstaatlichen Geldgebern zu schließen. Damit gerät das Unternehmen Schule unter Druck: Es muss sich auf dem Markt behaupten, eigene Stärken herausstellen und bewerben und selbstständig nach Möglichkeiten der Kostensenkung suchen. Strategisch wird die Unterfinanzierung als Instrument zur Ausdifferenzierung von Schulen unterschiedlicher Ausstattung eingesetzt, die sich zu diesem Zweck in die Abhängigkeit von außerschulischen Geldgebern (PPP) begeben müssen. Es wird sich noch erweisen, wie die Zielvereinbarungen und das Kennziffernsystem dabei funktionieren, da sie jetzt zum ersten Mal in Bremen angewandt werden.
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| 4. Selbstrationalisierung
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| Zahlreiche Maßnahmen der Selbstrationalisierung wie Schulprogramm, Zielvereinbarungen und Qualitätsmanagement sollen die. Schulunternehmen dazu bringen, den internen Leistungsdruck zu erhöhen und sich dabei gleichzeitig marktförmig zu profilieren. Qualitätsmanagement ist das Steuerungselement, über das Mehrarbeit eingefordert und die Motivationen des Schulpersonals gesteigert werden soll. Das Bertelsmannsche Evaluationstool SETS oder andere wurden den Schulen aufgezwungen, um die Selbstrationalisierung durchzuführen. Die angestrebte Selbstaktivierung bzw. Selbstoptimierung erfolgt im Rahmen von Evaluationen und Mitarbeiter-Beteiligung scheinbar nur, um Wege einer Verbesserung von Schulklima und Arbeitsabläufen zu finden. Daher wird dieser Prozess ambivalent wahrgenommen, da es angenehm erscheint, sich gemeinsam Gedanken um die „Dimensionen" eines besseren Arbeitsplatzes zu machen. Dieses einkalkulierte Gefühl als Teil der „Prozessqualität" wird jedoch auf kurz oder lang herbe enttäuscht werden, wenn die Strukturen der verdichteten Arbeit durchgesetzt sind. Zusätzliche Teamarbeit kann nicht ohne Mehrarbeit neben den Unterrichtsverpflichtungen geleistet werden. Deswegen soll die gesamte Unterrichtsvorbereitung in die Schule an neu einzurichtende Arbeitsplätze verlagert werden. Das Typische des Lehrerberufs wäre damit beendet, er wäre proletarisiert, seine Lehrautonomie verschwunden. Die Schulleitung ist die Betriebsleitung, die die Auswahl ihrer Lehrerinnen vornehmen soll. Die Evaluationen haben eine weitere Steuerungsfunktion. Mit ihrer Hilfe werden Schulen in Rankings gegeneinander vergleichbar. Schulen, die bei den Tests gut abschneiden, werden verstärkt nachgefragt und können sich ihre Schülerinnen und Schüler aussuchen. Durch die Selektion werden bereits im Kindesalter die gesellschaftlichen Rollen festgeschrieben. Der Blick nach England zeigt, welche verheerenden sozialen Auswirkungen Rankings haben: Die englische Umgangssprache unterscheidet bereits zwischen "star schools" und "sink schools" (Ausguss-Schulen).
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| 5. Standardisierung
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| Employability ist der neue Bildungsbegriff, der die Befähigung für das Funktionieren auf dem Arbeitsmarkt in den Mittelpunkt stellt. Schülerinnen werden nicht mehr gebildet, sondern qualifiziert. Dazu dient neben anderen Maßnahmen die Standardisierung von Abschlüssen. Die Standardisierung bedeutet das Abschleifen und Rausdrängeln spezifischer und individueller Teilqualifikationen und Motivationen, also das Gegenteil zu den vorgeblich individualisierten Lernformen und einer „Selbstwirksamkeits"-Motivationstheorie.
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| 6. Steigerung von Arbeitsumfang
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| Für die betroffenen Arbeitnehmerinnen (Lehrer/innen) bedeuten die zahlreichen Maßnahmen eine Steigerung von Arbeitsumfang und Arbeitsintensität, Der Lohn wird im Verhältnis zum erwarteten Einsatz der Mitarbeiter enorm gesenkt. In der Kampagne gegen Mehrarbeit ist dieser Sachverhalt aufgegriffen und in verschiedenen Aktionen protestiert worden. (Überlastanzeigen)
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| Der Autor:
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| - Eberhard Pfeiderer ist Lehrer an einer GyO in Bremerhaven
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