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16.11.2008 „Lehrstellenlücke geschlossen“ (?)

von Jürgen Burger
„Lehrstellenlücke geschlossen“ – so war es auf der Titelseite des „Weser-Kurier“ am 14. Oktober zu lesen. Die Erfolgsmeldung ging durch alle Medien: „Erstmals seit sieben Jahren mehr Stellen als unversorgte Bewerber“, erklärte die Bundesagentur für Arbeit zusammen mit den Spitzenverbänden von Industrie und Handwerk und der Bundesregierung. Und in Bremen sprach Frau Jürgens-Pieper auf einer Pressekonferenz von „sensationellen Erfolgen bei der Einwerbung neuer Ausbildungsbetriebe“. Ist jetzt also selbst Schuld, wer noch immer keine Lehrstelle bekommen hat?

Seitenabschnitte:
Erfolgsmeldungen überdecken die Defizite
Die Bremer Zahlen
Weiterhin hohe Jugendarbeitslosigkeit

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Erfolgsmeldungen überdecken die Defizite

Zwar wurden dieses Jahr bis Ende September tatsächlich 9200 Ausbildungsverträge mehr abgeschlossen als im Vorjahr, aber der duale Sektor der Berufsausbildung stagniert in den letzten 10 Jahren, während die Zahl der Absolventen und Abgänger des allgemeinbildenden Schulsystems deutlich zugenommen hat: 1998 gab es Ende September 612529 Ausbildungsverträge, bis 2003 sank die Zahl auf 557634. erst 2007 wurde mit 625014 wieder eine Zahl über 600000 erreicht. Die Zahl der Absolventen und Abgänger stieg dagegen allein von 2000 bis 2007 von jährlich 699153 auf 773931 an. Nach Schätzung des GEW-Hauptvorstandes befinden sich aufgrund fehlender Lehrstellen rund 400000 Jugendliche in „Warteschleifen“ und Übergangsmaßnahmen.

Die Bremer Zahlen

Nach Mitteilung der Arbeitsagentur gibt es im Lande Bremen bei 5229 seit Beginn des Berichtsjahres gemeldeten Bewerbern für Berufsausbildungsstellen nur 171 „unversorgte Bewerber“ (89 in Bremen und 82 in Bremerhaven). Doch diese Zahl verdunkelt mehr als sie erhellt. Nur 1845 Jugendliche sind „einmündende Bewerber“, d.h. haben nachweislich eine betriebliche Berufsausbildung begonnen. 895 gingen in Schule, Studium oder Praktikum, 446 in Erwerbstätigkeit, 84 in gemeinnützige/soziale Dienste und 259 in „Fördermaßnahmen“ (Berufsvorbereitung, Einstiegsqualifizierung, Reha). 1535 BewerberInnen sind „ohne Angabe des Verbleibs“. Bei einer derartigen „Restgröße“ ist die statistische Basis etwas dürftig, um von nur 171 „unversorgten Bewerbern“ zu sprechen.
Die Zahl der Teilzeit-BerufsschülerInnen (also der SchülerInnen aller Ausbildungsjahre im dualen System) weist im Lande Bremen eine ähnliche Entwicklung auf, wie die der Lehrstellen im Bundesgebiet:

BerufsschülerInnen (Teilzeit) im Lande Bremen

1998/1999

17417

2001/2002

18025

2004/2005

16886

2007/2008

18329


Man sieht: Nach einem „Tief“ wurde der Stand von 2001/02 im letzten Schuljahr sogar leicht übertroffen. Hierbei ist jedoch ebenfalls zu beachten, dass die Zahl der Absolventen des allgemeinbildenden Schulsystems seitdem zugenommen hat (nach Angabe des Statistischen Bundesamtes gab es hier 1995 noch 6294, im Jahre 2000 schon 7347 und im letzten Jahr 7968 Absolventen und Abgänger in Bremen und Bremerhaven; hinzu kommt das niedersächsische Umland, das in erheblichem Ausmaß die Bremer und Bremerhavener Berufsschulen nutzt).
Auch für Bremen und Bremerhaven gilt: Ca. 3000 Jugendliche, von denen die meisten eine Lehrstelle suchen, müssen auf schulische Bildungsgänge und „Fördermaßnahmen“ ausweichen. Und dies gilt insbesondere für die 593 Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss.

Weiterhin hohe Jugendarbeitslosigkeit

Die Schlagzeilen und Fernsehmeldungen von der „geschlossenen Lehrstellenlücke“ verleiten dazu, das Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit nicht ernst genug zu nehmen. In einer neu erschienenen Untersuchung des DGB-Bundesvorstandes heißt es dazu: Die Jugendarbeitslosigkeit wird unterschätzt. ... Im Juli 2008 zählte die Bundesagentur für Arbeit 362665 Arbeitslose unter 25 Jahren bzw. eine Jugendarbeitslosenquote von 7,6%.“ (Im Land Bremen beträgt die entsprechende Zahl 3207.) – „Dabei ist die Ausbildung entscheidend: Jugendliche mit keinem oder niedrigem schulischen oder beruflichen Abschluss tragen ein besonders hohes Risiko arbeitslos zu werden und zu bleiben.
Viele Jugendliche erleben ihre Situation als persönliches Versagen und werden teilweise auch so behandelt. ... Unter dem Vorwand mangelnder Berufserfahrung und fehlender Qualifizierung werden Berufseinsteiger zunehmend in prekäre Beschäftigung gedrängt. Statt durch Ausbildung und Nachwuchsförderung dem Fachkräftemangel zu begegnen nutzen viele Unternehmen die Situation der Jüngeren zur Deregulierung des Arbeitsmarktes.“
Und das Fazit dieser Studie lautet: „Dass Jugendliche in Deutschland ab 2015 bessere Chancen am Arbeitsmarkt haben könnten, da durch demographischen Wandel weniger Junge nachwachsen, ist eine Prognose – aber keine Garantie.“

  • Anmerkung: Die hier verwendeten Zahlen stammen aus den Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes, des BiBB, der Arbeitsagenturen und der Schulstatistik. Für Unterstützung bei der Beschaffung und Interpretation danke ich Paul Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung
    und Jugendberufshilfe (BIAJ).

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