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16.05.2006 Lernförderliche Leistungsbewertung

– durch Textzeugnisse und Portfolios zu einem besseren Lernklima
Wolfram Sailer

Für das Lernklima einer Klasse hat die Frage der Leistungsbeurteilung große Bedeutung. Dabei ist zentral, ob die Leistungsbeurteilung durch die Lehrkraft von den Schülerinnen und Schülern als gerecht empfunden wird – auch für die Akzeptanz der Lehrkraft und des Unterrichts. Aber auch die Form der Leistungsbeurteilung kann entscheidend zu einem guten Lernklima beitragen und das Lernen signifikant verbessern. Leistungsbewertung, die darauf abzielt, das Lernen zu verbessern, sogenannte formative Leistungsbewertung, bringt die Standards nach oben – besser als eine Leistungsbewertung, die die Leistung nur am Ende festhält (summative Leistungsbewertung). Dies ist der Stand der Forschung in der Erziehungswissenschaft.

Schülerinnen und Schüler lernen dann besonders gut, wenn sie Rückmeldungen über ihre Lernentwicklung bekommen, die von dem ausgehen, was sie können – die also kompetenzorientiert verfasst sind. Und natürlich müssen sie sie gut verstehen – sie müssen also transparent sein. Und sie sollten anknüpfen an das, was sie selbst über ihre Lernkompetenz wissen. Daher ist die Frage der Selbstbewertung bei der Leistungsbeurteilung zentral.

Unser Ziel als Lehrkräfte muss sein, die Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I zu Fachleuten in Bezug auf ihre eigene Kompetenz zu machen; sie müssen an der Schwelle zum Erwachsensein, in der Phase der Berufsentscheidung, wissen, was sie können – und was sie nicht können. Daher haben wir in der GSM im 5. Jahrgang angefangen, ein Lerntagebuch zu führen. Schülerinnen und Schüler halten neben ihren Zielen für die Woche fest, was sie tatsächlich geleistet haben – in den Fächern, aber auch im Projekt, in der Arbeitsplanarbeit und in puncto Hausaufgaben. Dies macht Lernen bewusst, informiert die Eltern zeitnah und stärkt zudem das eigenver-antwortliche Lernen. In vielen Klassen werden Portfolios eingesetzt, in denen die Schülerinnen und Schüler oft ihre besten Arbeiten sammeln, aber auch ihre Gedanken über Lernstrategien festhalten. In einigen Klassen wird in den Fremdsprachen das Europäische Sprachenportfolio verwendet, mit Hilfe dessen Schülerinnen und Schüler ihre Sprachkompetenz am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen messen können.
Aber auch die Leistungsbewertung durch die Lehrkräfte ist an unserer Schule über einen langen Zeitraum formativ und kompetenzorientiert organisiert: In Lernheftein-tragungen nach Unterrichtseinheiten und Lernentwicklungsberichten am Ende des Schuljahres erfahren unsere Schülerinnen und Schüler, wie sich nach Meinung der Lehrkräfte ihre Leistungen entwickelt haben. Und es gibt viele Gelegenheiten zum Gespräch über Leistung – auf Schüler- und Elternsprechtagen sowie zwei Mal im Jahr auf Tischgruppenabenden, aber auch während des Unterrichts, v.a. in den Arbeitsplanstunden.

Das Fehlen von Noten in den Klassen 5 – 8 verändert nicht nur die Einstellung zur eigenen Leistung – es verändert zentral auch das Verhältnis zwischen den Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften. Da den Lehrkräften die Machtmittel zur Aussonderung durch Sitzen Bleiben und Abstufen fehlen, müssen sie ihre Vorstel-lung von Unterricht und Disziplin diskursorientiert mit den Schülerinnen und Schü-lern abstimmen. Das ist nicht immer einfach, aber ein lohnender Weg. Er bedeutet, dass das Klima zwischen den Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern sich verändert – dies merken wir auch dann noch, wenn es ab der 9. Klasse Noten gibt.
Aus all diesen Gründen ist die aktuelle Auseinandersetzung um Lernentwicklungs-berichte oder Textzeugnisse in der Grundschule etwas anderes als die Auseinander-setzung um Konzepte zwischen Leistungsorientierung und Kuschelpädagogik, wie sie von konservativer Seite oft gesehen wird. Es ist die Auseinandersetzung um gute Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler und deshalb auch um gute Ar-beitsbedingungen für Lehrkräfte: Wenn die Lernenden zufriedener sind, sind es auch die Lehrenden. Und wenn Schülerinnen und Schüler wissen, wofür sie lernen – nicht für die gute Note, sondern um für sich etwas zu können -, dann wissen auch wir Lehrerinnen und Lehrer, wofür wir unterrichten. Und darum geht es doch.

Grundlegend: Black, P. Wiliam, D. (1998): Inside the Black Box. Raising Standards Through Classroom Assessment. London: King’s College. http://ngfl.northumberland.gov.uk/keystage3ictstrategy/Assessment/blackbox.pdf


Dr. Wolfram Sailer ist Klassenlehrer
einer siebten Klasse an der
Gesamtschule Bremen-Mitte (GSM).
Er koordiniert am Landesinstitut für Schule
einen Modellversuch zum Sprachenportfolio
und arbeitet bei Schulbegleitforschung mit.
Seit über zehn Jahren führt er im Rahmen
eines Lehrauftrags am Fachbereich 12 der
Universität Bremen immer wieder Seminare
zur Lernförderlichen Leistungsbeurteilung durch.

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