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Pfad zur Seite:Startseite - Publikationen - BLZ - BLZ Archiv - BLZ Februar 2009 - 16.02.2009 Mehrsprachigkeit im Fokus

16.02.2009 Mehrsprachigkeit im Fokus

von Katja Francesca Cantone
Universität Bremen

Seit Jahrzeiten kennzeichnet sich die gesellschaftliche Struktur in vielen europäischen Ländern dadurch, dass sie aufgrund globaler Mobilisierung sehr bunt und vielfältig ist und es keine Ausnahme darstellt, dass Menschen aus persönlichen, beruflichen, sozio-ökonomischen und leider auch politischen Gründen in mehr als einem Land aufgewachsen sind bzw. zeitweilig leben. Daraus sind sehr individuelle Lebensbiografien entstanden, die durch Multikulturalität und Mehrsprachigkeit gekennzeichnet sind. Auf institutioneller Ebene bedeutet die heutige Flexibilität, dass Staaten – auch wenn sie ursprünglich nur eine offizielle Landessprache hatten – die Minderheitensprachen und –kulturen in ihre Konzepten integrieren und gleichzeitig über die Rolle der Landessprache in einer multikulturellen Gesellschaft reflektieren müssen. Das Thema Mehrsprachigkeit wird in diesem Kontext viel diskutiert, z. B. in Schulen, im Beruf, im kulturellen Austausch. Oft wird der Begriff bilingual/zweisprachig in der Alltagssprache benutzt, um jemand zu beschreiben, der mehr als eine Sprache spricht. Dabei wird nicht berücksichtigt, in welchem Alter die auf die Muttersprache folgende(n) Sprache(n) gelernt worden ist/sind. Ebenso die Umstände des Erwerbs, z.B. gesteuert oder natürlich, werden außer Acht gelassen.
In diesem Beitrag werde ich zunächst kurz sprachwissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Zweisprachigkeit wiedergeben und skizzieren, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Mensch zweisprachig wird. Nachdem ich anspreche, wie wichtig es ist, die Chance mehrsprachig aufzuwachsen wahrzunehmen, spreche ich am Schluss dieses Beitrages an, wie Mehrsprachigkeit gefördert werden kann.

Seitenabschnitte:
Forschungsergebnisse
Zweisprachiges Aufwachsen
Sprachförderung
Literaturtipps zum Thema Mehrsprachigkeit

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Forschungsergebnisse

Die heutige sprachwissenschaftliche Forschung kann drei wichtige Ergebnisse im Bereich Zweisprachigkeit festhalten:

  1. Das menschliche Gehirn ist dazu fähig, mehr als eine Sprache von Geburt an zu erwerben. Daraus folgt, dass es keine Überforderung ist, wenn kleine Kinder früh mit zwei Sprachen konfrontiert werden und dass es keiner besonderen Intelligenz bedarf, um bilingual zu werden. Darüber hinaus haben viele Studien gezeigt, dass bilinguale Kinder ihre beiden Sprachen von Beginn an getrennt speichern und auch getrennt gebrauchen, sofern Letzteres auch in ihrer Umgebung so gehalten wird.
  2. Alle Sprachen, die das Kind in einer natürlichen Situation erwirbt (ausgenommen sind also solche, die im Schulalter im Unterricht gesteuert gelernt werden), gelten als Muttersprachen, weil früh erworbene Sprachen auf die gleiche Art und Weise wie eine „Muttersprache“ gemeistert werden. Es gibt demnach keinen Unterschied zwischen dem Deutschen eines bspw. deutsch/portugiesisch aufwachsenden Kindes und dem Deutschen eines einsprachigen Kindes. Der gleichzeitige Erwerb von zwei Sprachen wird auch doppelter Erstspracherwerb genannt.
  3. Die Fähigkeit, eine Sprache problemlos zu erwerben, ist nicht ein Leben lang gegeben, sondern vergeht langsam aufgrund von Veränderungen im Gehirn. Eine wichtige Frage ist demzufolge: Bis wann genau soll ein Kind mit der zweiten Sprachen in Kontakt kommen, damit es diese spielerisch und wie eine Erstsprache erwirbt? Früher wurde angenommen, dass ab der Pubertät eine Sprache als Zweitsprache erlernt wird, jedoch haben viele Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre gezeigt, dass der Zeitpunkt viel früher anzusiedeln ist, nämlich ungefähr im Alter von 5 bis 6 Jahren. Alles, was ab diesem Moment erlernt wird, geht nicht mehr so leicht und spielerisch vonstatten. Das soll nicht bedeuten, dass keiner, der eine Sprache nach dem Alter von 6 Jahren erlernt, diese jemals richtig beherrschen wird! Das Gehirn kann den Verlust der oben genannten Fähigkeit durchaus kompensieren. Beim Zweispracherwerb spielen aber viele (außersprachliche) Faktoren eine entscheidende Rolle, die beim Erstspracherwerb unwesentlich sind, z.B. Motivation, Lernumgebung, Talent.
    Außerdem wissen wir alle, wie schwierig der Erwerb einer Fremdsprache sein kann und dass er erfahrungsgemäß nicht zu 100% erfolgreich ist. Dagegen – abgesehen von Ausnahmefällen – gibt es keine Untersuchungen, bei denen sich herausstellte, dass ein Mensch seine Muttersprache nicht erworben hat. Der Erstspracherwerb gilt als sicher, keiner kann daran scheitern.

Zweisprachiges Aufwachsen

Viele Studien über zweisprachige Kinder, bei denen Vater und Mutter unterschiedliche Muttersprachen haben und jeder jeweils seine eigene Sprache zum Kind spricht (die so genannte „EINE PERSON - EINE SPRACHE“ Strategie), konnten zeigen, dass die Kinder alle erfolgreich zweisprachig geworden sind. Erst in den letzten Jahren hat sich die Forschung gezielter auch mit solchen Kindern beschäftigt, die nicht von Geburt an zu Hause zwei Sprachen gehört haben, sondern etwas zeitversetzt mit der zweiten Sprachen in Kontakt gekommen sind, weil sie mit der Strategie „EINE SPRACHE ZU HAUSE - EINE SPRACHE IN DER UMGEBUNG“ aufwachsen. Diese Strategie wird angewendet, wenn Eltern die gleiche Muttersprache haben und diese mit dem Kind zu Hause sprechen, während die Sprache der Umgebung (Landessprache, Mehrheitssprache) eine andere ist. Typischerweise findet sich diese Erwerbssituation bei Familien mit Migrationshintergrund, die zuhause eine andere Sprache sprechen als deutsch. Eine wichtige Frage ist nun: Kommt bei dieser Strategie das Kind noch rechtzeitig genug in Kontakt mit dem Deutschen, um die Sprache problemlos zu erwerben? Sofern das Kind tatsächlich früh das Deutsche hört, kann es selbstverständlich auch zweisprachig werden. Das bedeutet allerdings, dass – entgegen vieler Meinungen – man mit dem Kontakt zum Deutschen nicht warten sollte, bis die Muttersprache fertig erworben wird, denn dann wäre es fast zu spät, um bilingual zu werden. Es besteht ja nach den oben genannten Punkten auch keinerlei Grund, den Kontakt mit dem Deutschen hinaus zu zögern. Von großer Wichtigkeit ist, dass das „Sprachbad“ für das Kind vielfältig, regelmäßig und mit Menschen verbunden ist, die einen Bezug zum Kind haben (Nachbarn, Freunde, ErzieherInnen). Das Fernsehen kann nicht als Ersatz dienen, denn diese Art von Sprachbad ist einseitig und hat keinerlei emotionalen Bezug für das Kind. Zusammenfassend kann man sagen, dass je früher der regelmäßige Kontakt zur deutschen Sprache stattfindet, desto einfacher der doppelte Spracherwerb verläuft und desto unwahrscheinlicher eine späte gezielte Sprachförderung im Deutschen (wie sie zur Zeit stark eingesetzt wird, um die Bildungschancen von Kinder mit Migrationshintergrund zu erhöhen) ist.

Sprachförderung

Wenn nun ein Kind zweisprachig aufgewachsen ist und beide Sprachen etwa gleichgut kann (gibt es das überhaupt, dass man in beiden Sprachen gleich viele und genau dieselben Wörter kann? Wohl eher nicht…), dann gilt es, diese beiden Sprachen weiterhin zu fördern. Dazu gehört der Erwerb der Schriftsprache und damit einhergehend der Besuch einer Schule. Nun kann eine Regelschule kaum zwei Sprachen zu gleichen Anteilen unterrichten (das tun auch die Internationalen Schulen, die fremdsprachigen Schulen oder die so genannten bilingualen Schulen nicht). Nichtsdestoweniger ist es aber wünschenswert, dass die Möglichkeit besteht, zumindest Schreiben, Lesen und die wichtigsten grammatischen Regeln auch in der zweiten Erstsprache zu können. Nicht zuletzt ist es auch für monolinguale deutschsprachige SchülerInnen von großem Nutzen, viele Fremdsprachen zu erlernen. Angesichts der Globalisierung also der Appell, dass Fremdsprachen an Schulen flächendeckend eingesetzt werden, und zwar nicht nur Englisch, Französisch, Latein und Russisch (immerhin die Sprache der größten Gruppe mit Migrationshintergrund), sondern auch Türkisch, eine der häufigsten zweiten Sprache von bilingualen Schülern, aber im Vergleich zu den oben genannten Unterrichtssprachen die am seltensten angebotene. Mehrsprachigkeit an Schulen (ob bereits durch bilinguale Kinder „mitgebrachte“ oder durch den Fremdsprachenunterricht eingeführte) sollte viel stärker gefördert werden, nicht nur, weil der Europäische Referenzrahmen mindestens zwei Fremdsprachen fordert, sondern weil Mehrsprachigkeit bedeutet, dass man sein Gehirn fördert, dass man dadurch Zugang zu vielen Kulturen erhält, dass dadurch Jobmöglichkeiten in mehreren Ländern möglich werden und vieles, vieles mehr….Und weil damit Schulen die anfangs erwähnte Gesellschaftsstruktur widerspiegeln würden: Deutschland ist ein mehrsprachiges Land!
Viel mehr Kinder könnten problemlos zweisprachig aufwachsen, wenn endlich das (von Eltern wie von LehrerInnen geglaubte) Vorurteil abgebaut werden würde, dass Mehrsprachige in ihrer sprachlichen Entwicklung verzögert sein müssen und dass sie keine der beiden Sprachen korrekt und vollständig erwerben, sondern alle endlich die Vorteile des Mehrsprachigseins anerkennen und fördern würden.

Literaturtipps zum Thema Mehrsprachigkeit

  • Ahrenholz, B. 2007 (Hrsg). Deutsch als Zweitsprache: Voraussetzungen und Konzepte für die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Freiburg: Fillibach.
  • Kielhöfer, B. & S. Jonekeit. 2002. Zweisprachige Kindererziehung. 11. Auflage, Tübingen: Stauffenburg.
  • Leist-Villis, A. 2008. Elternratgeber Zweisprachigkeit. Informationen & Tipps zur zweisprachigen Entwicklung und Erziehung von Kindern. Tübingen: Stauffenburg.
  • Montanari, E. 2002. Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule. München: Kösel Verlag.
  • Müller, N., T. Kupisch, K. Schmitz & K. Cantone. 2007. Einführung in die Mehrsprachigkeitsforschung. 2. Auflage, Tübingen: Narr.
  • Rothweiler, M. 2007. Bilingualer Spracherwerb und Zweitspracherwerb. In: Steinbach, M. et al.: Schnittstellen der germanistischen Linguistik. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 103-136.
  • Tracy, R. 2008. Wie Kinder Sprachen lernen. Und wie wir sie dabei unterstützen können. 2. Auflage, Tübingen: Francke Verlag

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