zur Startseite
Pfad zur Seite:Startseite - Publikationen - BLZ - BLZ Archiv - BLZ Mai 2006 - 16.05.2006 Newroz - 2006 in Nordwestkurdistan

16.05.2006 Newroz - 2006 in Nordwestkurdistan

Antje Steinberg
NEWROZ ( Neues Jahr ) in Syrien, Irak, der Türkei und in großen Teilen Irans fällt zusammen mit dem Beginn des Frühlings. Menschen, die dieses Fest feiern, berufen sich dabei symbolträchtig auf die Legende vom kurdischen Schmied Kawa. Dieser soll im Jahr 612 v. Chr. den assyrischen Tyrannen Derhak mit seinem Hammer erschlagen und damit die Befreiung der vom Tyrannen versklavten Völker des Mittleren Ostens eingeleitet haben. Wie das Christentum die Auferstehung Christi mit Ostern verbindet, so beinhaltet das Frühlingsfest also bei den Kurden auch gleichzeitig die Befreiung vom Unterdrücker. Wen wundert es da, dass NEWROZ lange Zeit von der türkischen Regierung verboten und nachdem dies nicht mehr möglich war, als ursprünglich türkisches Fest deklariert wurde. Nun musste es gemäß der türkischen Schreibweise, denn die kurdische ist in offiziellen Bereichen immer noch nicht zugelassen, NEVRUZ heißen. Bei der Differenz von mehr als 1500 Jahren zwischen der Zeit Kawas und dem Beginn des Seldschukenreichs bleiben da einige Fragen unbeantwortet.

Ein Delegationsbericht

Vom 18. bis zum 24. 3. nahm ich an einer Newroz-Delegation der Hamburger Links-Partei in den kurdischen Bereich der Türkei teil. Unsere Reise führte uns von Diyarbakir über Sirnak nach Silopi und weiter über Cizre und Bataman zurück nach Diyarbakir. Wir kannten die Orte von früheren Besuchen her und verbanden damit z.T. bedrückende Erinnerungen, so z.B. an Sirnak, das vor einigen Jahren derart von Panzern und Gewehren beschossen und zerstört worden war, mit der Folge dass daraufhin allein aus Sirnak 20.000 Menschen in den Irak flohen. Als wir die Stadt 1993 das erste Mal besuchten, erhielten wir nicht die Erlaubnis, mit der Bevölkerung zu reden, und konnten nur schweigend mit Blickkontakt zu den Betroffenen auf der Hauptstraße gehen.
In diesem Jahr gab es jedoch keine lokalen Verbote und massiven Behinderungen. Die DTP, (Partei für eine demokratische Gesellschaft ) die Nachfolgepartei der verbotenen DEHAP ( Demokratische Volkspartei), hatte überall Veranstaltungen mit großen Bühnen, Lautsprecheranlagen und Transparenten angemeldet und genehmigt bekommen. Zwar waren die Festplätze von Polizeikräften umstellt und an wichtigen Straßenkreuzungen Panzer postiert, auch die BesucherInnen wurden in den meisten Städten durchsucht. Jedoch kam es nicht zu größeren Zwischenfällen, wie wir das aus der Zeit davor kannten.
Die Frauen und Mädchen schmückten sich mit Tüchern in der verbotenen Farbenkombination; Poster mit Abbildungen von Abdullah Öcalan und sogar verbotenen Parteiensymbolen schwebten wiederholt für Minuten über der Menge, in den auf- und abschwellenden Sprechchören forderten die Beteiligten vor allem Frieden und Freiheit für Abdullah Öcalan. Lieder erklangen vor allem in kurdischer Sprache. Auch die Reden enthielten kurdische Passagen oder zumindest einige Parolen in Kurmanci, wo doch gerade das Verwenden des Kurdischen im offiziellen Amtsbereich unter Strafe steht. Zu den Festveranstaltungen strömten in den großen Städten Istambul, Adana, Mersin, Van, Urfa jeweils mind. 100.000 Besucher, zu der Zentralveranstaltung in Diyarbakir mehrere 100.000 , in der Kleinstadt Silopi (100.000 E ), wo wir uns aufhielten, beteiligten sich 50.000 Menschen.

Angriffe auf die Bevölkerung

Von den später stattfindenden Angriffen der Staatssicherheitskräfte auf die Bevölkerung und die daraus resultierenden Eskalationen, die ihren letzten Auslöser ja erst am 24., dem Tag unserer Heimreise, haben sollten, ahnten wir während unserer gesamten Reise beinahe nichts und hätten sie uns in ihren Ausmaßen auch kaum vorstellen können. Wir hatten allerdings beobachtet, dass im Bereich Sirnaks (einer Stadt mit 80.000 E.) Truppen in der Stärke von ca. 100.000 Soldaten zusammengezogen worden waren. Das Umland wirkte wie eine Kriegsregion unter Dauerbesetzung von Panzern, Militärfahrzeugen, Militärposten, Kontrollen.
Am 24. März tötete das Militär noch während des wegen Nevroz erklärten einwöchigen Waffenstillstandes unter Einsatz chemischer Waffen in den Bergen 14 Guerillas. Nach den Trauerfeierlichkeiten für vier der Toten in Diyarbakir, wo von der Trauergemeinde erneut ein Ende des Krieges gefordert worden war, griffen türkische Staatssicherheitskräfte brutal mit Panzern, Schusswaffen, Tränengas und Schlagstöcken die vom Friedhof zurückkehrende Menschenmenge an. In den folgenden Tagen entwickelte sich eine putschähnliche Situation in der Stadt, wobei aus den umgebenden Provinzen zusätzliche Armeeeinheiten abgezogen wurden, die direkt auf Menschenansammlungen schossen, ja sogar Gasbomben gegen sie einsetzten. Autos brannten, die Parteizentralen der MHP und der AKP wurden verwüstet, Scheiben eingeschlagen. In Kizeltepe, Siirt, Batman und anderen Städten kam es zu Protestdemonstrationen gegen die Vorfälle in Diyarbakir. Sie wurden in gleicher Weise niedergeschlagen, auch hier gab es Tote.
Ergebnis: 12 Tote, unter ihnen drei Kinder, davon das jüngste 3 Jahre alt. Am ersten April stieg die Zahl der Festgenommenen auf 563. Von ihnen wurden 382 inhaftiert. Viele von ihnen wurden misshandelt und gefoltert. Unter den Festgenommenen gab es Alte, Frauen und einen relativ hohen Anteil Minderjähriger, die sich erst mit Steinwürfen gegen die Panzer gewehrt und in den darauf folgenden Tagen Molotwcoctails geworfen hatten. Gegen sie erhob der Staat Anklage mit der Forderung nach lebenslanger Haft. Am 4. April kam es zu Festnahmen von 4 Vorstandsmitgliedern der DTP und des Vorsitzendes der Gewerkschaft der Kommunen-Arbeiter ebenso wie des Sprechers der Demokratieplattform, einem Zusammenschluss verschiedener Gewerkschaften.
Diese Vorgänge stehen in einem ungeheueren Kontrast zu den Eindrücken und Informationen, die wir auf allen Ebenen selbst über das türkische Fernsehen und ROJ - TV bis zum 24. gesammelt hatten. Es ist nur zu vermuten, dass sie irgendwie auch von türkischer Seite bereits geplant bzw. vorgesehen waren.

Fortsetzung im nächsten Heft

SucheHilfeEmailSitemap
Suche,Hilfe,Email,Sitemap