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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Dezember 2008 16.12.2008 PISA ? Nicht verrückt machen lassen! | ||||||
| 16.12.2008 PISA ? Nicht verrückt machen lassen! | ||||||
| von Johannes Beck, Prof. für Allgemeine Pädagogik, Universität Bremen. | ||||||||||||
| Alle Jahre wieder kommt die frohe Botschaft über die südlichen Hochländer und eine Schreckensrmeldung über die nördlichen Tiefebenen unserer Bildungslandschaft. Diese Nachrichten zum schulischen Erfolg oder Misserfolg ganzer Länder kommen bekanntlich von der „Organization for Economic Cooperation and Development“ – und das ist nun wahrlich keine besonders menschenfreundliche Vereinigung. |
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| Diese OECD interessiert sich nicht für dich und mich, auch nicht für das Schicksal der einzelnen Kinder und Jugendlichen oder deren Lehrerinnen und Lehrer, sondern eben für den ökonomischen Nutzen dessen, was sie – im statistisch formulierten Leistungs- und Ländervergleich – für Lernen oder gar für Bildung hält. Herausgekommen sind dabei ganz interessante und für die Stadtstaaten auch wenig schmeichelhafte Ergebnisse, in denen sich vor allem die Stadt-, Sozial- und Schulpolitiker als Sitzenbleiber hätten erkennen müssen. Das taten sie aber nicht; sondern sie suchten - wie so oft – Ausreden und Sündenböcke für ihr Versagen. Dies schoben sie den BIFS, wie sie „bildungsferne Schichten“ nannten und vor allem der Lehrerschaft in die Schuhe. Am ersten Pisadesaster soll sogar die Lehrerbildung ursächlich gewesen sein, obwohl deren Absolventen zuvor gar nicht in den Schuldienst eingestellt worden waren. Auch von der sozial unverträglichen Siedlungspolitik wollte man nichts hören. Dabei konnte jeder erkennen, dass sie reiche und arme, fast ghettoartige Parallelgesellschaften hervorgebracht hatte. In der sozial geteilten Stadtgesellschaft sollten die armen benachteiligten Stadtteile mit ihren Schulen auch noch die Integrationsleistungen für die ganze Stadt erbringen. Dass sie mit dieser Entlastungsarbeit für die Reichen überfordert wurden, versteht sich von selbst, zumal sie viel zu wenig zusätzliche Mittel für die schwierige und personalintensive Integrations- und Förderarbeit bekommen haben. Erstaunlich ist nur, was engagierte Pädagogen und Künstler trotz dieser Stadt-, Sozial- und Bildungspolitik geleistet haben. | ||||||||||||
| Verschärft wurde die Lage in den vergessenen Stadtvierteln durch eine selektive viergliedrige Schulstruktur, wie man sie zur Entmischung und Hierarchisierung einer Gesellschaft nicht wirkungsvoller hätte erfinden können. An dieser verfassungswidrig installierten schulischen Selektionsagentur wollten einflussreiche Leute zu ihrer eigenen Privilegiensicherung und ohnmächtige Bildungspolitiker wider besseres Wissen festhalten. Den richtigen, weltweit bekannten und erprobten Weg zu einer demokratischen Schule für alle wollten die regierenden Herrschaften also immer noch nicht finden können. Unsere seit den frühen 70er Jahren anhaltenden reformpädagogischen Versuche, unsere publizierten Konzepte und Einsichten wurden vor allem in Skandinavien in die Schul-Praxis übersetzt, während sie hierzulande noch als linke Unterwanderung denunziert und verfolgt wurden. Wir waren Exportweltmeister pädagogischer Ideen, die im eigenen Land mächtig verteufelt wurden. Doch sind auch in Deutschland die besten Schulen solche, die reformpädagogische Ideen und Erfahrungen in eigener Sache weitergedacht und praktisch gemacht haben. Immerhin hat in letzter Zeit der Ruf nach Abschaffung der Hauptschulen die tabubeladene Schulstrukturfrage neu gestellt. Hamburg und Bremen versuchen wenigstens ihre kleinlichen Schritte in die richtige Richtung zu lenken. Sogar die allein-seligmachende Dreigliedrigkeit der Schulen Bayerns ist durch den allerneuesten deutschen Pisa-Sieger Sachsen mit seinem zweigliedrigen System etwas angekratzt worden. Es geht also auch anders; doch ohne Druck von unten wird es zu einer Schule für alle nicht kommen. Diesen Druck zu verstärken ist wohl die wichtigste bildungspolitische Aufgabe - auch der GEW. Aber davon mal abgesehen ist beim jüngsten Pisavergleich auch herausgekommen, dass die getesteten Schüler Sachsens tatsächlich besser lesen und rechnen können als die aus Hamburg, Berlin oder Bremen. Was sie allerdings lesen und womit sie rechnen, ob sie freundlich mit sich und Fremden umgehen, das hat die OECD im ökonomischen Interesse nicht gefragt. Aber genau das interessiert mich persönlich, aus politischen und pädagogischen Gründen, also gar nicht nur statistisch. Die formalen Qualifikationen sind notwendig, aber sie sind von ihrem inhaltlichen und hoffentlich menschenwürdigen Sinn nicht zu trennen. Für diesen Sinn haben Lehrende und Lernende gemeinsam einzustehen. Dabei bedeuten die Lernfortschritte der Einzelnen in ihrer einzigartigen Bildung alles. Sie haben wir im Unterricht nach Kräften zu fördern. Die Anstrengungen und Ergebnisse unserer realen Bildungsarbeit können niemals in statistischen Daten, Rankingtabellen, Bildungsstandards, Vergleichstests oder sogenannten Evaluationen auf- und untergehen. Gegenüber solchen zeitraubenden und bürokratischen Zumutungen, die ein nichtunterrichtendes Personal gegen die Bildungsarbeit verhängt, plädiere ich für mehr Gelassenheit und widerborstig professionelles Selbstbewusstsein seitens der Lehrerinnen und Lehrer. Es könnte den Lernenden als Vorbild im weiteren Leben dienen. Und übrigens: Gegen die pisainduzierte Testeritis-Epidemie, mit der die Schulen seit einigen Jahren periodisch heimgesucht werden, können wir eine alte bäuerliche Einsicht als empirisch gesicherte Tatsache mit weltweiter Geltung ins Feld führen: Vom ständigen Wiegen wird die Sau nicht fetter. | ||||||||||||