|
Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ September 2009 16.09.2009 Prekariat unterrichtet Überflüssige | ||||||
| 16.09.2009 Prekariat unterrichtet Überflüssige | ||||||
| Arbeitsbelastungen für Lehrende in der beruflichen Weiterbildung von Ludger Mehring | ||||||||||||||||||||
| Die Einflussfaktoren für Stress und Belastung am Arbeitsplatz der Lehrenden in der beruflichen Weiterbildung lassen sich im Wesentlichen auf zwei Elemente konzentrieren, zum einen auf die weitere Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse der Lehrenden selbst und zum anderen auf die mangelnde finanzielle Ausstattung der Weiterbildungsträger, gepaart mit einer inhaltlichen Orientierungslosigkeit. Dabei lassen sich diese Schwerpunkte wie folgt näher unterscheiden: |
| |||||||||||||||||||
| 1 Die Prekarisierung der Systemumwelt (Oskar Negt) | ||||||||||||||||||||
Die weitere gesellschaftliche Entwicklung des Arbeitsmarktes und der damit verbundene Einfluss aus der Systemumwelt auf die berufliche Weiterbildung, wird am besten durch ein Interview mit dem Hannoveraner Soziologen Oskar Negt verdeutlicht, das 2007 im WK unter dem Titel „Anschlag auf die Würde des Menschen“ veröffentlicht wurde. Negt unterscheidet:
Was mit den arbeitslosen Menschen als Bestandteil der „wachsenden Armee der dauerhaft Überflüssigen“ passiert, erklärt Negt aus der Sicht seines Gesellschaftsmodells sehr deutlich. Diese Menschen sind „aussortiert für immer“. „(...) Ja, sie sind für den Produktionsprozess einfach nicht mehr nützlich. Und das hat fatale Folgen für die Betroffenen. Nach meinen Recherchen über Arbeitslosigkeit zeigt sich ganz klar, dass der Verlust des Arbeitsplatzes als Gewaltakt empfunden wird, als ein Anschlag auf die Integrität einer Person und die Würde des Menschen. (...)“ (Negt im WK v. 2.6.2007, S. 17). Die von Negt geprägte Bezeichnung „Armee der Überflüssigen“ deckt sich mit den Beobachtungen und Erfahrungen vieler Lehrender, indem Teilnehmer aus der Arbeitslosigkeit heraus mit dem Gefühl des „überflüssig Seins“, des mangelnden Selbstwerts- und des Minderwertigkeitsgefühls in die beruflichen Weiterbildungen kommen. Ältere Teilnehmer fühlen sich zunehmend ausrangiert. Wie es in dem folgenden Beispiel deutlich wird, wirken sich diese von Negt beschriebenen Zustände besonders dramatisch sich auf die Situation von arbeitslosen jungen Menschen aus. Ein Bildungsunternehmen aus Niedersachsen kommt über eine Überprüfung von Maßnahmen für jugendliche Arbeitslose in ihrem Bremer Standort durch die BAgIS (Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales – die ARGE für die Stadt Bremen) in der Form eines Ergebnisprotokolls zu den folgenden Schlussfolgerungen, die den Dozenten per Email mitgeteilt werden: Bremen 20.6.08 ...
Es entsteht der Eindruck dass es hier nicht um Beratung und Förderung für die betroffenen Personengruppen geht, sondern auf die Angehörigen der „Armee der Überflüssigen“ soll Druck ausgeübt werden. Die Beratung einer jungen Teilnehmerin einer solchen Maßnahme durch ihren Dozenten, wie sie doch noch Psychologie studieren kann, indem sie ihren jetzigen Wohnort verlässt und sich an den verschiedensten Universitäten in den neuen Bundesländern bewirbt, würde demzufolge den abgeschlossenen Verträgen widersprechen – es muss das betriebliche Praktikum sein. Die unterschiedlichen Einschätzungen zwischen dem Kostenträger, dem Weiterbildungsunternehmen und auf der anderen Seite den Teilnehmern müssen in der Folge in diesem Fall zu Konflikten führen, die sich als Belastung auch in den jeweiligen Unterricht hinein auswirken. Die Teilnehmerschaft und die Dozenten merken auch, welchen Stellenwert sie haben und wie sie von den anderen Parteien, vor allem den Kostenträgern gesehen werden, d.h. die Teilnehmer und ihre Dozenten werden als Objekt gesehen. Dabei lebt gerade die berufliche Weiterbildung von den Zielen und Lebensvorstellungen ihrer Teilnehmer und soll sie gerade darin unterstützen um in der Systemumwelt besser zu Recht zukommen. | ||||||||||||||||||||
| 2. Berufliche Weiterbildung und Bezahlung | ||||||||||||||||||||
| Es muss an dieser Stelle festgestellt werden, dass es schon seit längerem prekäre Arbeitsverhältnisse in der beruflichen Weiterbildung weit jenseits von tariflicher Sicherheit und zeitlicher Kontinuität gibt. In diesem Zusammenhang gilt allgemein: Wenn prekäre an die Stelle von Normal-Arbeitsverhältnissen treten, wenn die Ausnahme zur Regel wird, dann stimmt etwas nicht. „hire and fire“ war noch nie ein Managementprinzip, dass zu einem nachhaltigen Erfolg führte. Dies gilt auch in der Ach so „freien“ Wirtschaft. Für den Bildungsbereich ist es katastrophal. Das kann in der Praxis so aussehen, wie in dem folgendem Beispiel einer Email die ein Weiterbildungsunternehmen an seine Dozenten versendet hat: „Moin allerseits, ich möchte nun das Bezahlungssystem darstellen, welches ab sofort gilt. Dieses habe nicht ich mir ausgedacht, sondern nur durch die Vorgaben der Bundesanstalt (Arbeitsverwaltungen) so funktioniert. Ich möchte versuchen, es durch ein Beispiel darzustellen: Ein Bewerbungskurs: 1. Woche beginnt am 10. Juni 2008. Die Bundesagentur für Arbeit wird diesen Kurs wie alle anderen immer erst einen Monat nach Beginn bezahlen. Das heißt, wir erhalten unser Geld am 10. Juli 2008 und auch erst dann können wir die Honorare dafür bezählen. Also werden wir den Kurs bezahlen, aber die Bank wird das Geld erst ca. 2 Tage gut schreiben – also ist das Geld auch erst ab 12. Juli verfügbar. Wichtig für uns als Weiterbildungsunternehmen, da wir im Herbst sehr viele Kurse haben werden, die wir nicht mehr vorfinanzieren können. Also zusammengefasst: Die Bezahlung erfolgt grundsätzlich erst 4 Wochen nach Beginn des Kurses!!! Alles klar??!! Gruß Nikolaus & Co“. An diesem Beispiel ist sehr gut erkennbar, dass sich der Respekt eines Weiterbildungsunternehmens vor seinen Päd. Mitarbeitern (Lehrenden) neben der Höhe auch in der Art der Bezahlung äußert. Es ist auf der anderen Seite sehr erstaunlich, dass trotz dieser teilweise prekären Arbeitsverhältnisse, die Motivation der meisten Lehrenden sehr hoch ist, sich mit den Teilnehmern und den damit verbundenen Konfliktsituationen auseinander zu setzen, Konflikte wahrzunehmen und engagiert mit den jeweiligen Teilnehmern zu bearbeiten. | ||||||||||||||||||||
| 3. Gesellschaftliche Faktoren verstärken die prekäre Situation vieler Lehrender | ||||||||||||||||||||
| An dieser Stelle muss verdeutlicht werden, dass ein großer Teil des beruflichen Weiterbildungsbereichs einen Bildungsmarkt darstellt, in dem Bildung selbst zur Ware wird und privatwirtschaftliche Unternehmen Geld verdienen wollen. Dazu gehört auch die Vergabepraxis von Aufträgen öffentlicher Institutionen, wie z.B. die Bundesagentur für Arbeit an die Bildungsträger. Nach der Erfahrung und der Beobachtung von Interviewpartnern, die in ihrer Tätigkeit auch mit Aufgaben der Geschäftsführung betraut sind (IV 07), fahren die Kostenträger der beruflichen Weiterbildung, wie die Bundesagentur für Arbeit, ihre Ausgaben für berufliche Umschulung und Fortbildung immer weiter herunter, so dass die festen Dozentenstellen immer weiter reduziert werden und auf prekäre Arbeitsverhältnisse, wie u.a. Honorar- und Ein-Eurojobs umgestellt werden. Die GEW belegt diese Entwicklung mit Zahlen: „Nach Erhebungen der GEW sind seit 2002 (bis 2007) rund 40.000 Arbeitsplätze in der Weiterbildungsbranche abgebaut worden. 75 Prozent der Lehrkräfte arbeiten auf Honorarbasis. Etwa die Hälfte erreicht trotz Hochschulabschluss nur Bruttoeinnahmen von rund 1.500 Euro monatlich“( Fischer in E & W, 7-8/2007, S. 26). Ein Interviewpartner macht aus der Sicht eines Bildungsunternehmens eine ähnliche Rechnung wie die GEW auf: „In den neunziger Jahren konnten die Bildungsträger drei bis zu vier Euro pro Unterrichtsstunde und Dozent abrechnen. Heute liegt der Abrechnungswert bei unter einem Euro, ca. achtzig Cent. Das bedeutet, das Einkommen ist für die Weiterbildungsträger und für die Lehrenden in wenigen Jahren auf ein Viertel des alten Wertes gesunken“. In der Folge können viele Bildungsträger, die bis jetzt seriös gearbeitet und gewirtschaftet haben, diesem ruinösen Wettbewerb nicht mehr standhalten und müssen den Betrieb aufgeben. Eigentlich kann daraus nur noch die Konsequenz gezogen werden, dass die Kostenträger den gesamten Bereich der beruflichen Weiterbildung „gegen die Wand gefahren haben“ . Das Schlimme dabei ist – es ist bald niemand mehr da, der gegen diese Entwicklung demonstrieren könnte, weil endgültig alle Lehrenden im Prekariat verschwunden sind – die berufliche Weiterbildung verkommt zu einem Teil einer Armutsindustrie. In der Folge sollte im Interesse der Lehrenden darauf geachtet werden, dass bei der Auftragsvergabe nicht der billigste, sondern der qualitativ beste Weiterbildungsträger den Auftrag für eine Weiterbildungsmaßnahme bekommt. Insgesamt gilt:
| ||||||||||||||||||||
| Über den aAutor: | ||||||||||||||||||||
| Ludger Mehring, geb. 1956 in Bochum, Dr. phil. , Diplompädagoge und Sozialarbeiter, war lange in der beruflichen Weiterbildung tätig und arbeitet als Coach/Personaltrainer und lebt in Bremen. | ||||||||||||||||||||