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16.11.2008 „Profil B“

Ein Interview mit Marita Gores und Mirko Hahn
Für den Themenschwerpunkt besuchten wir die Berufsschule für Metalltechnik an der Reiherstraße. Sie gehört zu den Schulen, die jetzt erstmals im Anschluss an die 8. Sekundarschulklasse das „Profil B“ durchführen. Unsere Gesprächspartner waren Marita Gores und Mirko Hahn.

Seitenabschnitte:
Erste Erfahrungen
Wie lief die Beratung?
Die Befürchtungen des letzten Jahres haben sich also bewahrheitet?
Werkstattstunden erhöht?
Woher kommen die Schüler?
Berufliche Inhalte einbeziehen?
Das klingt alles ein wenig atemberaubend.
Einsatz von sozialpädagogischen Fachkräften
Profil B noch im nächsten Jahr?
Perspektive?

 Profil_B.pdf
 Vollständiges Interview
zum Downloaden

Erste Erfahrungen

Frage: Letztes Jahr im LIS ging es darum, das Profil B vorzubereiten. Viele KollegInnen hatten Bedenken, weil noch nicht klar war, was laufen soll. Wie geht das mit den Kernfächern, was soll miteinander verschmolzen werden? Wie wird das mit den Anmeldungen, wen bekommen die einzelnen Schulen? Jetzt ist das Projekt in die Realitätsphase übergegangen. Nach acht Wochen liegen die ersten Erfahrungen vor. Wie lief es zum Anfang?
Marita Gores: Unser Standort war zunächst schwach angewählt, aber jetzt hat die Klasse auch 16 Schüler (alle männlich). Schülerinnen sind bei uns sehr selten. Wir merken deutlich, dass die Schüler jünger sind als die, die wir vorher in der B/BFS hatten. Außerdem hat die Konzentration von Problemen nicht abgenommen. In der B/BFS gab es eine andere Zusammensetzung der Schülerschaft. Ursprünglich war angedacht, dass in der 9. Klasse Profil A und Profil B echte Alternativen sind. Es hat sich aber herausgestellt, dass Profil B die B-Wahl ist. Wir haben das Gefühl, dass in der Sek.I diejenigen SchülerInnen, mit denen es massive Probleme gab, definitiv für das Profil B empfohlen wurden. Das Problem der überwiegend aus der Sekundarschule kommenden SchülerInnen ist nicht in erster Linie ihre Leistungsschwäche, sondern in noch stärkerem Maße ihre Verhaltensauffälligkeit. Nur vereinzelt konnten auch SchülerInnen aus Förderzentren, Integrierten Stadtteilschulen und Gesamtschulen aufgenommen werden.
Mirko Hahn: Viele sind hyperaktiv und haben Aufmerksamkeitsdefizite. Im Schulalltag sollten theoretischer und praktischer Unterricht in nicht zu langen Intervallen einander abwechseln. Wenn ich die Ausführungen in unserem ersten Seminar mit unseren heutigen Erfahrungen vergleiche, dann ist der Abstand noch größer geworden.

Wie lief die Beratung?

Marita Gores: Wir haben einen Arbeitskreis aller KlassenlehrerInnen der ehemaligen B/BFS –Klassen in Bremen. Sie sind in der Regel auch die KlassenlehrerInnen der jetzigen Profil-B-Klassen. Diese KollegInnen beraten in allen Sek. I-Standorten. Wir sind in alle 8. Klassen gegangen, außerdem gab es Einzelgespräche mit Schülern Eltern und KlassenlehrerInnen, und die SchülerInnen konnten einen Schnuppertag an den verschiedenen Berufsschulstandorten machen. Dann kam das Anmeldeverfahren. In vielen Fällen wurden von den KollegInnen aus der Sek. I dabei die schwächeren und problematischen SchülerInnen bei uns zur Beratung angemeldet.

Die Befürchtungen des letzten Jahres haben sich also bewahrheitet?

Marita Gores: Das ist so. Jetzt kommt eine weitere Problematik hinzu: Mit der neuen Stundentafel im Profil B wurden die Förderstunden gestrichen, die wir in der B/BFS hatten. Das war eine starke Verschlechterung der Lehrerausstattung. Sie wurde damit begründet, dass in der Sekundarschule von Klasse 5 bis 8 ja schon viel Förderung stattgefunden habe und wir deshalb einfachere Bedingungen hätten als vorher. Das bereitet uns ganz große Probleme. Außerdem gibt es den Anspruch an uns, stärker projektorientiert zu arbeiten. Wir sollen die Kooperation der SchülerInnen fördern und nach Möglichkeit Schülerfirmen gründen. Gerade diese projektorientierte Arbeit ist aber Lehrerstunden-intensiv.

Werkstattstunden erhöht?

Frage: Es gab in der Planung eine Grob-Stundentafel und viele KollegInnen sagten: Das reicht nicht aus, die Projektstunden müssen hinzukommen. Sind die Werkstattstunden dann nicht noch kurz vor den Sommerferien erhöht worden?
Marita Gores: Wir konnten zwei Stunden des Wahl-Pflicht-Bereiches in zusätzliche Werkstattstunden wandeln. Aber bei Projekt-Unterricht müssen Werkstatt-Lehrer und Theorie-Lehrer eng zusammen arbeiten. Es muss also Doppelungen geben. Wir haben es jetzt an unserem Standort hinbekommen, zwei projektorientierte Tage zu organisieren. Dabei arbeiten jeweils ein Theorie- und ein Praxiskollege mit der Klasse je nach Bedarf im Klassenraum und in der Werkstatt. Der Rest ist Klassen- und Werkstattunterricht im herkömmlichen Sinne. Der größte Teil der Werkstattstunden liegt in den beiden Projekttagen.
Mirko Hahn: Wir haben jetzt in der Woche neun Stunden Doppelbesetzung von je einem Theorie- und Praxiskollegen. Von unseren Schülern haben nach meiner Meinung nicht alle das Profil B bewusst angewählt. Es gibt einen Teil, der ist hier „irgendwie gelandet“. Es gibt also auch Verweigerungshaltungen. Das drückt sich in Verspätungen und anderem kontraproduktiven Verhalten aus. Jene, die das Profil B bewusst angewählt haben, sind mit Begeisterung in der Werkstatt. Die anderen lassen sich jetzt zunehmend darauf ein.

Woher kommen die Schüler?

Marita Gores: Unsere Schüler kommen aus verschiedenen Stadtteilen. Dabei gibt es eine Aufteilung mit dem TBZ Mitte. Ein wichtiger Unterschied zur B/BFS ist, dass es dabei Probezeiten gab. Die gibt es jetzt nicht. Sollte es zu weiteren Problemen kommen, bliebe für uns jetzt nur der Ordnungsmaßnahmen-Katalog, wie er allgemein in der Sekundarstufe I gilt.
Mirko Hahn: Wir brauchen Bedingungen, um diese allgemeine Schulpflicht auch zu realisieren.
Marita Gores: In zwei Jahren sollen diese SchülerInnen eine allgemeine Abschlussprüfung machen. Auch da kommt ein Problem auf uns zu. Profil A und Profil B sollen gleichartige oder sogar gleiche Prüfungen machen. Wir haben den Auftrag, diese Prüfung mit den Inhalten der Berufsschule zu füllen. Dabei müssen wir die Standards wahren. Darin liegt natürlich ein gewisser Widerspruch. Lernschwache Achtklässler kommen zu uns und haben Unterricht mit größeren Praxisanteilen. Am Schluss soll sie aber die gleichen Leistungen in Deutsch, Mathe und Englisch erbringen. Ich würde mir wünschen, dass über die Praxisanteile ein gewisser Ausgleich möglich ist. In den Praxisanteilen muss die Möglichkeit bestehen, eine gleichwertige Leistung zu erbringen. Nur so macht die Abschlussprüfung einen Sinn. Wir sind ja noch in der Diskussion und wir hoffen, dass dieser Gesichtspunkt einbezogen wird. Das Ergebnis der Projektarbeit muss Prüfungsteil werden können.

Berufliche Inhalte einbeziehen?

Frage: War nicht in der Vorbereitungsphase diskutiert worden, die beruflichen Inhalte einzubeziehen?
Marita Gores: Es ist aber etwas anderes, eine Mathe-, Deutsch- oder Englisch-Prüfung mit beruflichen Inhalten zu machen oder die Ergebnisse der praktischen Arbeit als Prüfungsleistung zu behandeln.
Frage: Man könnte sich ja auch eine Lösung vorstellen, bei der ein Werkstück abgegeben wird und in Bezug darauf dann Mathe, Deutsch und Englisch in die Prüfung einbezogen werden.
Marita Gores: Wir haben für die 9. Klasse auch noch keine Zeugnisformulare. Es muss also bald entschieden werden, wie vorgegangen werden soll.

Das klingt alles ein wenig atemberaubend.

Mirko Hahn: In meiner Vorbereitung hat es daran gefehlt, uns für den Umgang mit diesen SchülerInnen genauer vorzubereiten. Ich bin Berufsschullehrer und arbeite zum ersten Mal mit solchen Schülern. Da reicht keine didaktische Diskussion. Der Unterricht braucht eine andere Struktur, als der klassische Berufsschulunterricht. Dafür braucht es spezielle Qualifikationen.

Einsatz von sozialpädagogischen Fachkräften

Frage: Wie sieht es mit dem Einsatz von Sozialpädagogischen Fachkräften aus?
Marita Gores: Wir haben eine Sozialpädagogin an der Schule, die im Zusammenhang mit den Bemühungen um die Senkung der Abbrecherquote eingestellt wurde. Ihr Aufgabengebiet ist sehr groß. Für die vielen Klassen reicht eine einzige Fachkraft nicht aus – auch wenn sie sich auf die unteren Klassen konzentriert. Unsere Schülerschaft ist bildlich gesprochen wie ein Tannenbaum strukturiert. Uns verlassen im Verlauf der Bildungsgänge auf dem Weg von der Beruforientierung bis zum Berufsabschluss der vollschulischen Ausbildung mit Kammerprüfung immer wieder Schüler. Dabei handelt es sich nur vereinzelt um Abbrecher. Nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses finden viele Schüler einen Ausbildungsplatz in der freien Wirtschaft.

Profil B noch im nächsten Jahr?

Frage: Im Schulentwicklungsplan ist ab Klasse 9 eine „Werkschule“ mit einem dreijährigen Bildungsgang vorgesehen. Wird es im nächsten Jahr überhaupt noch das Profil B geben?
Marita Gores: Uns ist gesagt worden, dass es im nächsten Schuljahr auf jeden Fall noch wieder Profil-B-Klassen geben wird.
Frage: Wenn das Ziel darin besteht, nach drei Jahren Werkschule anschließend eine duale oder vollzeitschulische Ausbildung zu beginnen, würde das im Ergebnis eine Verlängerung der Schulzeit bedeuten.
Mirko Hahn: Für unsere Schüler stellt sich die Frage, ob nicht auch Teilqualifikationen als Abschluss bescheinigt werden können. Ein Teil ist nicht in der Lage, die hochgesteckten Ziele des Berufsbildes zu erreichen und steht am Ende ohne Lehrberuf da. Ich denke, darauf sollte das duale Ausbildungssystem mit intelligenten Lösungen reagieren.

Perspektive?

Frage: Wie schätzt ihr die Möglichkeit ein, dass viele der Profil-B-Schüler am Schluss die Berufsbildungsreife schaffen?
Marita Gores: Das können wir jetzt wirklich noch nicht sagen. Viel wird davon abhängen, ob eine vernünftige Prüfungsform gefunden wird, die die praktischen Fähigkeiten berücksichtigt. Auf jeden Fall arbeiten wir zurzeit zusammen mit den Meistern intensiv daran, das Theorie-Praxis-Verhältnis gut zu gestalten und da sind wir auf einem guten Weg.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellten Martina Hilmer und Jürgen Burger

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