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16.09.2006 Rückgang der SchülerInnenzahlen?

von Jürgen Burger
In den Sommerferien erschien im Weser-Kurier die Serie „Bremen 2020“. Dort wurden auf Basis einer Prognose des Statistischen Landesamtes demographische Veränderungen dargestellt, die in den nächsten 15 Jahren auf uns zukommen. So wird sich z.B. das Durchschnittsalter in der Stadtgemeinde von 43 auf 45 Jahre erhöhen. Der Anteil der 30-50jährigen wird bis dahin von 30 auf 25% sinken. Die Zahl der Erwerbsfähigen dagegen wird fast gleich bleiben. Die Entwicklung, die hier vorgezeichnet wird, hat bundesweiten Charakter und resultiert in erster Linie aus dem „Pillenknick“, d.h. der Tatsache, dass in den Jahren von 1970 bis 1980 die Zahl der jährlichen Geburten in der alten BRD von ca. 1 Million auf ca. 500 000 sank.

Es lohnt sich jedoch näher hinzusehen, wenn hieraus politische Konsequenzen gezogen werden. Ein Beispiel dafür gibt der Bremer Bildungssenator ab, der sich am 22. August unter dem Titel „Den Schulen gehen die Schüler aus“ zu Wort meldete. „Wegen der ‚stark rückläufigen Schülerzahlen’, so Bildungssenator Willi Lemke (SPD), sollen insgesamt 12% der Schulflächen ‚in den nächsten Jahren’ abgebaut werden.“ Eine Woche später nahm Chefredakteur Volker Weise den Ball auf: „Den Schulen gehen die Schüler aus und die Nachfrage nach Betreuungsplätzen in Kindergärten sinkt.“ (Durchblick, 28. August)
Im Gefolge solcher Veröffentlichungen entsteht eine Stimmung, die Schulschließungen und den Abbau von Lehrerstellen als alternativlos erscheinen lässt. Sieht man sich dagegen die aktuelle Schülerzahlprognose an, die der Deputation vorgelegt wurde, so kommt man zu ganz anderen Ergebnissen.

SchülerInnenzahlen von 1990 bis 2020

Die SchülerInnenzahlentwicklung in Bremen ist von 1990 bis 2020 weitgehend stabil
Die letzte veröffentlichte Statistik und Prognose des Senators für Bildung (8/2005) zeigt sowohl den dramatischen Rückgang in den 80er Jahren als auch den leichten Wiederanstieg seit 1990. Für die nächsten 15 Jahre wird wiederum ein leichter Rückgang prognostiziert, mit dem Ergebnis, dass wir 2020 etwa auf die Werte von 1990 zurückgekehrt wären. Hier die Entwicklung in 10-Jahres-Sprüngen:

Schülerzahlentwicklung

Schülerzahlenentwicklung öffentliche allgemeinbildende Schulen Stadtgemeinde Bremen

IST

1980

81678


1990

49799


2000

53693

PROGNOSE

2010

51085


2020

49130


Die Tabelle zeigt sehr schön, wie wichtig die Auswahl des Vergleichszeitraumes bei der öffentlichen Darstellung von Zahlen ist. Wer die Werte von 1980 und 2020 nebeneinander stellt, um die Notwendigkeit von Stellenkürzungen und Schulschließungen zu erhärten, der zeichnet ein Horrorbild, das mit der Realität seit 1990 nichts zu tun hat.

Der gesamte Schulraum wird gebraucht

In den 80er Jahren, als die SchülerInnenzahl tatsächlich massiv zurück ging, wurden unter Senator Horst-Werner Franke über 20 Schulgebäude geschlossen. Heute ist die Situation ganz anders. Zwar werden wir in 15 Jahren ca. 8% weniger SchülerInnen haben, aber alle aktuellen schulpolitischen Maßnahmen bedingen einen erhöhten Platzbedarf: sei es die Ganztagsschule, sei es die Individualisierung und Differenzierung des Unterrichts, sei es die freie Anwahl der Schule mit den dadurch bedingten Schwankungen an den einzelnen Standorten.
Dabei ist die Situation in den Stadtteilen unterschiedlich. Junge und alte, arme und reiche Stadtteile weisen bei der Schülerzahlprognose erhebliche Differenzen auf. Aber selbst in Stadtteilen mit einem stärkeren Rückgang ist eine Umnutzung für andere öffentliche Zwecke besser als ein Verkauf. Zum einen sind fehlerhafte Prognosen nicht selten, zum anderen kehrt sich die Entwicklung nach 20 –30 Jahren oft um. Etliche geschlossene Schulgebäude mussten in den letzten 20 Jahren reaktiviert werden.
Der Plan, 12% der Schulgebäude zu schließen, resultiert nicht aus der Schülerzahlprognose, sondern aus einem Senatsbeschluss, demzufolge 12% der öffentlichen Gebäude zu verkaufen seien. Nur unter dieser Bedingung wurden die notwendigen Mittel zur Sanierung der übrigen Gebäude bewilligt. Wer die Zahl von 12% Gebäudeschließungen aus den SchülerInnenzahlen ableitet, der verbreitet Nebenkerzen.
Wir erleben z.Zt. die ersten Folgen der Schulschließungspolitik. Gebäude, die der Staat abgibt, sollen von Privatschulen übernommen werden (Beispiel: Stephanitor). Einrichtungen werden zusammengepfercht und Politiker versuchen, die Betroffenen gegeneinander auszuspielen. (Beispiel: Howisch)

Der dramatische Stellenabbau muss beendet werden

Auf dem Höchststand der Schülerzahlentwicklung um 1980 gab es an den Bremer Schulen ca. 6000 Lehrerplanstellen (VZE). 1990, als die Zahl sich stabilisierte, waren es noch 5500. Heute, bei höherer Schülerzahl als 1990, weist der Senator für Bildung noch 4330 Lehrervollzeiteinheiten aus (Deputationsvorlage G 156). Hier liegt die wesentliche Ursache für die extreme Erhöhung der Arbeitsbelastung, die an allen Schulen registriert wird. Der leichte Rückgang der SchülerInnenzahl in den nächsten 15 Jahren bietet die Chance, wieder zu etwas erträglicheren und pädagogisch befriedigenderen Verhältnissen zu kommen. Wer aber Bildungsreformen verspricht, der muss sich dafür einsetzen, dass die Zahl der Lehrerstellen wieder steigt und zusätzlich sozialpädagogische Fachkräfte eingestellt werden. Sonst betreibt er Wahlkampfshow auf Kosten der Beschäftigten.

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