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16.02.2007 Schleier als Bildungsschranke?

von Edith Laudowicz
Beschäftigt man sich mit dem Thema „Islam“ so ist in den letzten Jahren das Thema Kopftuch in den Mittelpunkt der Diskussion über Lebens- und Bildungsmöglichkeiten muslimischer Frauen gerückt. In unserem Land erregte in den letzten Jahren die Diskussion um das Kopftuchverbot weit mehr die Gemüter vieler Frauen als die jahrelange Diskriminierung muslimischer Migrantinnen im Bildungs- und Ausbildungswesen, die sich angesichts verschärfter ökonomischer Bedingen auch in unserem Land trotz vieler Bemühungen nicht wesentlich verbessert.
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht dies: Von den 12,5 Mio Schülerinnen (48 %) und Schüler (51) im Schuljahr 2003/2004 waren insgesamt 1,16 Mio. (9,3 %) nichtdeutscher Staatsangehörigkeit. Bezieht man jedoch den Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein, kommt man zum Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Westdeutschland, die aus Migrantenfamilien stammen (Anmerkung 1) In Bremen beträgt der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund 40,7 %.
Betrachtet man die Herkunftsländer, ist der Anteil von Türken mit 26 % am stärksten, weitere starke Gruppen stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien unter der Kategorie „andere“ finden sich Zuwanderer aus Afghanistan, dem Libanon, Tunesien, Algerien, Palästina, Indien, Pakistan, Iran u.a. von denen anzunehmen ist, dass sie Muslime sind, so dass der Anteil ca. 40 % betragen dürfte.
Ausschlaggebend für den Schulerfolg von SchülerInnen mit Migrationshintergrund ist neben den Deutschkenntnissen weniger die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, sondern eher die soziale Herkunft. Zwei Drittel aller nicht in Deutschland geborenen Eltern von Migrantenkindern sind Arbeiter oder Angestellte, wobei knapp die Hälfte eine angelernte Tätigkeit ausübt. Je höher die Qualifikation der Eltern, je größer ist die Chance einer erfolgreichen schulischen Laufahn der Töchter.
Die meisten Einwanderer – auch die muslimischen Eltern mit starker religiöser Orientierung - wünschen sich für ihre Kinder eine gute Bildung und einen erfolgreiche Schullaufbahn. Die Untersuchung von Büsing/Karakasoglu (Anmerkung 2) verweist darauf, dass immerhin 36 % der Eltern mit einem niedrigen Bildungsniveau Töchter mit höheren Abschlüssen hatten.
Es gibt bislang nur wenig Untersuchungen zur Bedeutung der Religion bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Erstmals 1996 beleuchtete eine Studie die religiöse Haltung von Jugendlichen (Anmerkung 3). Muslimische Jugendliche betonten den starken Rückhalt, den ihnen die Religion vermittle und das positive Eingebundensein in ein soziales Netz, dass der Vereinzelung entgegenwirke. Die befragten muslimischen Mädchen gaben an, dass restriktives Verhalten der Eltern ihnen gegenüber ihrer Meinung nach nicht auf die Religion, sondern auf die patriarchale Kultur zurückzuführen sei. Damit stützen sie Beobachtungen, die auch bei anderen Gruppen zu beobachten sind. Das Leben in der fremden Kultur oder der Diaspora führt zu einer verstärkten Hinwendung zu traditionellen kulturellen Werten. Die Shell-Studie 2000 befasste sich erstmals ausführlicher mit dieser Frage. Eine religiöse Orientierung zeigten vor allem türkische Jugendliche, wobei weibliche Befragte einen höheren Grad der religiösen Orientierung aufwiesen. In der von Boos-Nünning/Karakasoglu durchgeführten Studie gaben die muslimischen jungen Frauen an, die Religion vermittle Selbstvertrauen und sei eine wichtige Lebensressource zur Bewältigung des Alltags. Religiös orientierte Mädchen wollen zukünftig ihre Kinder ebenfalls religiös erziehen.
1996 veröffentlichten Frauke Biehl und Sevim Kabak 10 Interviews von Frauen muslimischer Frauen zwischen 23 und 50 Jahren (Anmerkung 4).

Sie kommen ähnlich wie die genannten Untersuchungen zu dem Fazit, dass Religion im Leben der Frauen wichtig und sinnstiftend ist, Halt bietet und das Selbstvertrauen sich und anderen gegenüber stärkt, auch dann wenn alle einem festgelegten religiösen Vorschriftenkanon folgen. Insbesondere aber stiftet sie eine Identität jenseits von nationalen Grenzen.„Das Gefühl sowohl in der Türkei als auch in Deutschland fremd zu sein, wir durch den Islam als ihr „zuhause“, als etwas, das ihnen gehört, aufgefangen.“ (Anmerkung 5) Biehl/Kabak widersprechen der These, die Hinwendung zur Religion sei eine Abkehr von der deutschen Gesellschaft. Viele Frauen führen innerhalb des islamischen Bezugskontextes eine Auseinandersetzung sowohl mit den Vorstellungen der Eltern wie auch mit den Werten der deutschen Gesellschaft. Auch Boos-Nünning/Karakasoglu vertreten die These, dass die Bezugnahme junger islamischer Frauen auf die Stellung im wahren Islam ihnen eine Möglichkeit biete „ die Anforderungen der nicht muslimischen Welt und die Anforderungen der muslimischen Eltern an ihre Verbundenheit mit der Herkunftskultur in Einklang zu bringen. Die Bezugnahme auf den Islam erweitere ihren Aktionsradius,“ (Anmerkung 6) Die Hinwendung zum Islam und deren Gemeinschaften eröffnet ihnen partiell eine Möglichkeit, eigenen Wege zu gehen, die von der Familie akzeptiert werden ihnen aber zugleich die Möglichkeit bietet, sich mit Gleichaltrigen zu treffen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, die vor allem von den stark religiösen Mädchen wahrgenommen wird.
Die Rolle des Kopftuches im Rahmen ihrer Religiosität ist vielfältig: Übereinstimmend jedoch empfinden die Befragten die Gleichsetzung von „schleiertragend und ungebildet oder rückständig“ als diskriminierend ebenso die Rechfertigungen, zu der sie in Gesprächen mit Deutschen häufig gezwungen werden. Sie beharren auf dem Recht, individuell entscheiden zu können, ob sie es tragen oder nicht und geben überwiegend an, es aus eigenem Willen zu tun.
Während kein Zusammenhang zwischen Grad der Religiosität und der Bildung bei muslimischen Jugendlichen nachgewiesen werden konnte, erwiesen sich stark religiöse muslimische Jugendliche in ihrer Geschlechterrolleneinstellung traditioneller als die anderen.

Stellt man sich nun die Frage, wie es mit dem Wunsch nach einer beruflichen Ausbildung junger Migrantinnen mit muslimischem Hintergrund bestellt ist, so zeigen verschiedene Studien, dass die Mehrheit junger Frauen Beruf und Familie realisieren möchten. Eine ausschließliche Orientierung an familiären Lebensplänen ist nicht die Regel. Lediglich durch Misserfolge bei dem Übergang von Schule in Ausbildung bzw. Beruf, kann sich bei ihnen eine familiäre Orientierung herausbilden: Dies trifft gleichermaßen auf türkische Mädchen zu: nur sehr wenige wollen nach Beendigung der Schulzeit zu Hause bleiben(wobei hier auch die Frage aufzuwerfen ist, ob dies freiwillig geschieht). Sieht man sich jedoch die Realität der Berufsausbildung an, so wird deutlich, dass Ursache einer möglichen Hinwendung zur Familie und frühen Mutterschaft nicht in einer familiären Orientierung zu sehen ist, sondern in der verschlechterten Lehrstellensituation begründet liegt. Seit Mitte der 90er Jahre finden immer weniger Jugendliche mit ausländischen Pass oder Migrationshintergrund einen Ausbildungsplatz. Während 1994 noch 44 % waren sank die Zahl im Jahr 2004 auf 25 %. Nur 31 % der ausländischen weiblichen Jugendlichen fanden einen Ausbildungsplatz.

Anmerkungen:
1 Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, September 2002 – 2004
Anteil der Ausländer 2005
2 Boos-Nünning, Usula/Karakasoglu, Yasemin; Viele Welten leben: Zur Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund; Münster 2005, S. 178
3 siehe ebda. S. 375
4 Biehl, Frauke/Kabak/Sevi; Muslimische Frauen in Deutschland erzählen über ihren Glauben, Gütersloh 1999
5 ebda. S. 118
6. Boos-Nünning, Usula/Karakasoglu, Yasemin; Viele Welten leben,...a.a.O. S. 376

(Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Fassung eines Vortrages über das Thema )

 Schleier_als_Bildungsschranke.pdf
 BLZ-Artikel
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Die Autorin:

Edith Laudowicz ist Pädagogin
und Autorin

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