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16.02.2008 Schulentwicklung in Bremen

Gesellschaft und Schule müssen integrieren und nicht weiter ausgrenzen
von Harry Eisenach,
Sprecher des GEW-Stadtverbandes Bremen
Die Stadt Bremen driftet auseinander. Zunehmend entmischen sich Stadtteile. Die Schere zwischen arm und reich wird größer. Diese Entwicklung spiegelt sich in den Schulen wieder und wurde durch die Bildungspolitik der letzten 12 Jahre begünstigt. Die GEW hat diese Politik von Anfang an bekämpft und dagegen die Perspektive „Eine Schule für alle“ gesetzt.

Seitenabschnitte:

 Schulentwicklung_in_Bremen.pdf
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Zunächst hob die Ampel-Koalition die Schulbezirke in der Sekundarstufe I auf. Dann führte die große Koalition das Gymnasium ab Klasse 5 wieder ein und baute die durchgängigen Gymnasien aus.
Das Gymnasium ist die Mehrheitsschule. Sein Anteil wächst stetig. Trotz der beginnenden Bemühungen um binnendifferenzierte Konzepte sondert das Gymnasium weiter aus und lässt individuelle Perspektiven von Kindern scheitern. Dieses ist durch das Schulsystem verursacht.
Die Sekundarschule schrumpft. Sie ist mittlerweile kleiner als früher die Hauptschule. Aus vielen Problemen kann man schließen, dass sie zur „Restschule“ wird bzw. es bereits ist. Die Berufs- und Lebensperspektive der zukünftigen Abgänger gestaltet sich ähnlich schwierig wie die der bisherigen HauptschülerInnen. Dazu kommen verfehlte Planungen bei der Konzeption: Die erzwungene äußere Differenzierung ab Klasse 7 führte zur Chaotisierung, obwohl gerade diese SchülerInnen notwendiger als andere die Ruhe zum Arbeiten brauchen. Nach Protesten der KollegInnen wurde mittlerweile erreicht, das auch Binnendifferenzierung möglich ist. Die Aufsplittung dieser kleinen Schülergruppe in 3 Zweige ab Klasse 9 treibt den Selektionswahn unseres Schulsystems auf die Spitze. Dadurch kommt es zu erzwungenen Klassen- und Schulwechseln, Stolpersteinen in der individuellen Schullaufbahn dieser großteils benachteiligten Kinder und Jugendlichen.
Von ihrer Ausstattung her ist die Sekundarschule eine Billigvariante der Hauptschule: Höhere Klassenfrequenzen und weitgehender Wegfall zusätzlicher Förder-, Halbgruppen- und Differenzierungsstunden haben die Lernbedingungen verschlechtert. Die aufgrund des höheren sozialen Regelungsbedarfs notwendige Klassenlehrer-Entlastungsstunde der Hauptschule gibt es in der Sekundarschule bei gleichen Problemen in größeren Klassen nicht.
Das Schulsystem wird an seinen beiden Polen stärker: Immer mehr SchülerInnen besuchen Förderzentren (Sonderschulen) und Privatschulen, insbesondere private Gymnasien.
Die Integration lernbehinderter Kinder wird nach der Grundschule praktisch kaum fortgeführt. Durch die separate Beschulung sinken die möglichen Förderungen und Anregungen durch stärkere MitschülerInnen. Die Sekundarschule, selbst mit großen Problemen belastet, kann ohne zusätzliche sonderpädagogische Förderung und mit ihren in mehrerer Hinsicht benachteiligten SchülerInnen viele Lernschwache nicht halten und überweist sie an Förderzentren. SchülerInnen, die aufgrund ihrer kognitiven und sozialen Stärken zur Integration der SonderschülerInnen beitragen könnten, sitzen separat im Gymnasium. Das Gymnasium entzieht sich weitgehend der Integrationsaufgabe.
Immer mehr Kinder haben einen Migrationshintergrund. Dabei ist ihr Anteil in bestimmten sozial schwachen Stadtteilen sowie im Schulsystem in der Sekundarschule sowie in den Förderzentren besonders hoch. Die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg wird hier deutlich, aber auch, dass eine gut ausgebaute und durchdachte Förderung, insbesondere Sprachförderung, in den Bremer Schulen dringend notwendig ist.
Aus Stadtteilen mit hoher Arbeitslosenquote, hohem Migrantenanteil und geringerer Bildungsbeteiligung wechselt ein erheblicher Teil der SchülerInnen nach der 4. Klasse in Richtung Innenstadt bzw. nach Vegesack. Dadurch ist die soziale „Entmischung“ an den Schulen dieser Stadtteile besonders groß.

Für die GEW ergeben sich aus den Daten folgende Konsequenzen für die Schulentwicklung:

  • Im Schulsystem müssen die Fehler der letzten Jahre korrigiert werden. Es ist schrittweise in Richtung einer „Schule für alle“ umzubauen. So werden Chancen für Schwächere erhöht und die sozialen und kognitiven Kompetenzen der Stärkeren genutzt.
  • Dem Wohnort ist bei der Aufnahme in die fünfte Klasse Priorität einzuräumen. Dabei ist die verstärkte Zusammenarbeit von Grund- und Sek-I-Schulen systematisch zu planen und materiell zu fördern. Schulen in besonders benachteiligten Stadtteilen müssen im erheblichen Umfang zusätzliche Fördermaßnahmen erhalten.
  • Schon jetzt darf es keinen weiteren Ausbau des isolierten Gymnasiums geben. Die Integration von Schulzentren und integrative Schritte an Gymnasien sind materiell und organisatorisch zu unterstützen. Die Integration der Förderzentren ist in allen Zweigen des Schulsystems fortzuentwickeln. Solange es ein gegliedertes Schulsystem gibt, haben dabei die stärkeren Teile den wesentlichen Beitrag zu leisten.
  • Integrative Arbeit muss durch die Zuweisung von zusätzlichen Lehrerstunden gefördert werden. Notwendig sind Planungsstunden und die Senkung der Klassenfrequenzen für alle Schulen, die auf eine gemeinsame Schule bis zur 10. Klasse hinarbeiten. Das gilt auch für Gymnasien, wenn sie integrative Konzepte entwickeln.
  • Allen Schulen müssen zusätzliche Förderstunden zugewiesen werden, um dem „Abschulen“ durch pädagogische Maßnahmen entgegenzuwirken.
  • Damit das qualifizierte Lehren in heterogenen Lerngruppen überall zur vorherrschenden Praxis wird, ist eine pädagogische Offensive notwendig. Zu diesem Zweck sind u.a. entsprechende Fortbildungsangebote zu entwickeln und den Lehrkräften dafür Entlastungen zu gewähren.
  • Bei den zurzeit existierenden Sekundarschulen ist die personelle Ausgestattung zu verbessern, damit die Klassenfrequenzen gesenkt und Förder- sowie Halbgruppenunterricht ausgeweitet werden können. Sie müssen die Möglichkeit erhalten, die bestehenden Klassen weiterzuführen und Werkstatttage für alle SchülerInnen anzubieten.



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