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15.03.2006 Schulentwicklung in Bremerhaven

Bernd Winkelmann
Landesvorstandssprecher

Mit der Änderung des Schulgesetzes und den Verabredungen der kommunalen Großen Koalition wurde die einheitliche Struktur der Schulzentren und integrierten Gesamtschulen in Bremerhaven auf-gebrochen. Eine durch Ressourcenkürzung niedergedrückte Orientierungsstufe wurde abgeschafft, die „freie Anwahl“ zur 5. Klasse installiert und ein durchgängiges Gymnasium eingerichtet.

Die bislang feststellbaren Konsequenzen stimmen mit vielen Erwartungen überein:

  • die drei Gesamtschulen der Stadt erzielen eine hohe Anwahlquote (2005: 31,7 % 2004: 29,6 %);
  • der gymnasiale Bildungsgang, insbesondere das bilinguale Angebot, verzeichnet einen deutlichen Zuwachs an Erstwahlen von 2004 zum Jahr 2005 (von 30,5 % auf 36,1 %); wobei die Anwahl der Gymnasialabteilungen einzelner Schulen äußerst unregelmäßig bis zur Bestandsgefährdung verteilt ist;
  • die Sekundarschule verliert innerhalb eines Jahres 7,7 % an Erstanwahlen und lag im Frühjahr 2005 bei 32,2 %.

Letzteres mag mit der bislang fehlenden Ausgestaltung des Sekundarschulbildungsganges insbesondere für die Klassen 9 und 10 zusammenhängen (Umsetzung einer neuen Berufsorientierung und –vorbereitung). Es mag sich aber auch ein Trend durchsetzen, der sich in der Stadtgemeinde Bremen bereits deutlicher zeigt und in der bundesweiten Diskussion als „Zwei-Säulen-Modell“ charakterisiert wurde. Diese Begrifflichkeit verkennt allerdings, dass es in Bremerhaven bei sinkenden Schülerzahlen nur einen Schulbereich stetigen Wachstums in absoluten Zahlen gibt: Die Förderzentren für Lernbehinderte, die in den Klassen 7-10 inzwischen 8,85 % der Schülerinnen und Schüler unterrichten. Im Vergleich des laufenden mit dem vergangenen Schuljahr haben die Förderzentren der Sek I um 9,6 % an Jugendlichen zugelegt, während in der Regel-Sek I der Rückgang 3% betrug. Betrachtet man nun den Regelschulbereich genauer, so bringen diese „Zwei Säulen“ unserer Auffassung nach eine gewollte Entwicklung auf den Punkt: Die Sonderschulen fristen ihr Dasein im Schatten, im Regelbereich wird unterschieden in gymnasial / nicht gymnasial. Und es wird vieles getan, diese Polarisierung weiter zu zementieren: Unter dem Deckmantel der „Qualitätsentwicklung“

- erteilen die Grundschulen beispielsweise oftmals gegen ihren Willen ab Klasse 3 Zensuren; „Leistung“ wird hier gezielt „verwechselt“ mit hierarchieorientierter Konkurrenz zur frühzeitigen Festlegung von Schullaufbahnen;
- wird der Zugang von GesamtschülerInnen zur gymnasialen Oberstufe durch eine stark gewichtete Abschlussprüfung erschwert, während im Gymnasium die „Versetzung“ reicht.

Gerade unter dem Gesichtspunkt der Steigerung schulischer Qualität haben es Senat und Magistrat immer wieder verstanden, andere Themen als die Strukturfrage für „dominant“ zu erklären: Es ist in diesem Zusammenhang unbestritten richtig, dass

- Kinder sprachlich entwickelt eingeschult werden sollen und
- gerade eine Stadt wie Bremerhaven Ganztagsangebote benötigt (die Sozialdaten sind kürzlich durch eine Studie der Arbeitnehmerkammer veröffentlicht worden).

Nur ebenso klar müssen dann auch die Konsequenzen sein:
Wenn bei 44 % der Vorschulkinder die Notwendigkeit eines Sprachunterrichts ermittelt wird, sind auch alle Kinder zu fördern und nicht nur 3,3 %.; wenn Ganztagsschulen als ein Mittel angesehen werden, ein Mehr an Erziehung zu gewähren und Kinderarmut zu mildern, dann dürfen verbindliche Konzepte nicht an der kommunalen Finanznot scheitern.

Es sei denn, es besteht ein Interesse an fortschreitender gesellschaftlicher Spaltung. Gegliederte Systeme eigenen sich hervorragend, dieses Interesse zu unterstützen. Nach Aussonderung der SonderschülerInnen reichen dann tatsächlich zwei Säulen. Unterstützt wird diese Entwicklung durch ein jüngst auf traditionelle Lehrämter mit verschieden langen Ausbildungszeiten umgestelltes Lehramtsstudium.

Unterschiedlich angelegte Lehrämter werden auch unterschiedliche Sogwirkungen hinsichtlich einer Berufsentscheidung von jungen Menschen entfalten. Wer wird sich für eine Sekundarschule mit unklarem Berufsbild und nicht definierter Ausstattung interessieren?

Wer entscheidet sich überhaupt noch für den LehrerInnenberuf? In dem derzeitigen Missverhältnis von LehramtsstudentInnen / -referendarInnen und dem Stellenbedarf der nächsten Jahre werden vermeintlich weniger attraktive Regionen wie Bremerhaven nur schwer bestehen können. Die „Qualitätsfrage“ wird deshalb auch damit entschieden, inwieweit es gelingt, junge KollegInnen für die Stadt zu gewinnen. Wenn diese sich im Wettbewerb mit anderen Regionen durchsetzen will, muss sie auf Inhalte und Strukturen setzen, die wissenschaftliche Rückendeckung beanspruchen können. Die politischen Entscheidungsträger sind weiterhin gefordert.

Für eine tatsächliche Qualitätsentwicklung einschließlich struktureller Weichenstellung nach dem Vor-bild erfolgreicher Länder gibt es gute Voraussetzungen. Viele KollegInnen haben ihre (integrative) Perspektive beibehalten und setzen um, was geht. Es heißt ja nicht umsonst: In jedem untergehenden System ist bereits der Keim des Neuen!

Bernd Winkelmann
Landes- und Stadtverbandssprecher

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