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14.03.2007 Warum Grundschulen Männer brauchen - und warum sie trotzdem fehlen

von HaJo Kuckero
Brauchen wir Männer an Grundschulen ?

Beklagt wird es schon lange : an den allgemeinbildenden Schulen fehlen Männer. Besonders an den Grundschulen fällt es auf . Nicht selten gibt es außer dem Hausmeister und dem Schulleiter kein oder kaum männliches Personal. In Zahlen :“70 Prozent der Lehrenden sind inzwischen Frauen, in Grundschulen sogar 83 Prozent“ (taz, 30.8.2006).
Aber für die Kinder ist es wichtig - bei nur von ihren Müttern erzogenen Jungen offensichtlich besonders - , dass sie männliche Rollenvorbilder in der Schule kennen lernen und erfahren, wie viele Grundschullehrerinnen immer wieder bestätigen.
Seit einigen Jahren wird auch darauf verwiesen, dass Schulen nicht „jungengerecht“ seien. Tatsächlich : Mädchen können den Anforderungen der heutigen Schule besser entsprechen. Jungen stehen dagegen schlechter da. Sie stellen zwei Drittel aller Schulabbrecher, drei Viertel aller Sonderschüler, die Mehrheit in der Hauptschule, aber die Minderheit beim Abitur. Bei Schulverweigerern, Sitzenbleibern und Verhaltensauffälligen gibt es viele Ursachen. Eine wird immer wieder genannt : zu wenige Männer, insbesondere in den Grundschule

Seitenabschnitte:
Brauchen wir Männer an Grundschulen ?
Warum brauchen Grundschulen Männer ?
Warum fehlen Männer in den Grundschulen ?
Ausstattungen
Ausbildung für Grundschullehrkräfte
Was ist das eigentliche Problem ?
Was tun ?

 Warum_Grundschulen_Maenner_brauchen.pdf
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Warum brauchen Grundschulen Männer ?

Grundschulen werden wesentlich von Frauen geprägt. Männer - normaler Bestandteil des sozialen Lebens außerhalb von Schule - fehlen weitgehend. Dadurch fehlen auch die Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten von Männern im Vergleich zu Frauen
In der Grundschule fehlen Männer

  • als Rollenbilder und Rollenvorbilder (speziell für Jungen),
  • als konkrete Erfahrungsmöglichkeit für Kinder, die ihren Vater nicht oder kaum kennen und erleben,
  • als alltagstaugliche „Alternativmodelle“ zu überholten tradierten Männerrollen und medialen „Supermännern“ aus TV-Krimis, Videospielen u.ä.,
  • als reale Bezugsgrößen und Korrektiv für Kinder, die ihre Väter eher negativ erfahren, weil sie z.B. durch Arbeitslosigkeit ihre Bedeutung verlieren oder durch Alkoholabhängigkeit o.a. keine positiven , verlässlichen Beziehungen aufrechterhalten können
  • als spezielle Bezugspersonen , an denen sich die Kinder, insbesondere die Jungen, auch mit ihren Konflikten abarbeiten können,
  • als Experten für das eigene Geschlecht, sowohl für die Jungen wie auch für die Mädchen,
  • als Experten für „Männer-Themen“ wie Fußball, Autos u.ä. ( selbst wenn Kolleginnen manches Mal mehr Ahnung davon haben !),
  • um Jungen notwendige geschlechtsspezifische Lernerfahrungen und Lernwege zu ermöglichen,
  • den Eltern als spezielle Ansprechpartner mit teilweise anderen Sichtweisen und Problemlösungsstrategien,
  • auch den Kolleginnen als „Experten“ über spezifische Bedürfnisse, Möglichkeiten und Zumutbarkeiten für Jungen.

Warum fehlen Männer in den Grundschulen ?

Image von Grundschularbeit
Ein wesentlicher Grund für den Männermangel an Grundschulen ist das historisch gewachsene und noch relativ weit verbreitete Verständnis „Erziehung und Pflege“ (früher : Kinder, Küche, Kirche ) seien Frauensache, „Wissenschaft, Forschung und Technik“ jedoch Männersache .
Je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie eine „Frauenaufgabe“. Also besonders in der Familie und in Krippen, Kindergärten und Grundschulen. „Männeraufgabe“ werden sie besonders in den weitergehenden Schulen wie Gymnasien, Berufsschulen und Hochschulen.
Natürlich gibt es keine scharfe Trennung, sondern Übergangsbereiche und Ausnahmen. Aber die gesellschaftliche Realität und die gesellschaftliche (geschlechtsspezifisch unterschiedliche !) Achtung für bestimmte Berufsbereiche bestätigt dies eindeutig. Warum sonst bekommen insbesondere männliche Grundschullehrer immer mal wieder zu hören: „Warum bist du denn nur Grundschullehrer ?“

Ausstattungen

Geld für Grundschulen
Immer noch wird im Gegensatz zu den hochgelobten skandinavischen Ländern für Deutschlands Kinder in Kindergärten und Grundschulen erheblich weniger ausgegeben als in Gymnasien und Hochschulen. Obwohl Bildungspolitiker aller Parteien besonders seit PISA immer wieder verkünden, Kindergarten und Grundschule schaffen das Fundament der Bildung und hätten absolute Priorität.
Geld für Grundschullehrkräfte
Wer seinen Lehrerberuf als Berufung begreift, lässt sich vielleicht ja trotz schlechterer Ausstattung und schlechterem Image nicht davon abbringen, in die Grundschule zu gehen. Aber zusätzlich wird die Arbeit an der Grundschule schlechter bezahlt als z.B. die Arbeit von Gymnasial- und Berufsschullehrern ! Das Eingangsgehalt der Grundschullehrkräfte (wie auch der Haupt- und Realschullehrkräfte)liegt in der Regel eine volle Vergütungsgruppe niedriger als das der Sek.-II-Lehrkräfte.
Geld für GrundschulleiterInnen
Erst als Grundschul-KonrektorInnen oder –SchulleiterInnen verdienen sie praktisch genauso viel wie ein Gymnasiallehrer.
SchulleiterInnen in anderen Schulstufen erhalten in der Regel bis zu drei Vergütungsstufen höheres Gehalt als GrundschulleiterInnen.
Unterrichtsstunden für Grundschullehrkräfte
Allerdings sind Grundschullehrkräfte in einem Spitze: beim Stundendeputat. Ihre wöchentliche Unterrichtsverpflichtung ist meist ein bis drei Unterrichtsstunden höher als in anderen Schulstufen. Zwar ist die Korrekturarbeit in der Grundschule teilweise geringer, aber dafür die Elternarbeit erheblich umfangreicher.
Funktionsstellen für Grundschullehrkräfte
In den anderen Schulstufen gibt es zum teilweise besseren Gehalt und der geringeren Unterrichtsverpflichtung auch noch zusätzliche Beförderungschancen auf diverse „Funktionsstellen“ wie Abteilungsleiter, Koordinatoren u.ä., - selbstverständlich in der Regel mit einer besseren Vergütung . Solche Beförderungsstellen gibt es an Grundschulen gar nicht.


Ausbildung für Grundschullehrkräfte

All diese Unterschiede zwischen Grundschul- und anderen Lehrkräften durch die Festschreibung und Wieder-Einführung unterschiedlich langer Ausbildungszeiten zu rechtfertigen, passt auch nicht so richtig zu der von Bildungspolitikern so oft propagierten „Priorität für die Grundschule“ .


Was ist das eigentliche Problem ?

Die meisten der genannten Nachteile für Grundschullehrkräfte treffen Frauen und Männer gleichermaßen, die gesellschaftliche Geringschätzung des Grundschullehrers trifft jedoch wesentlich die Männer. Diese gesellschaftliche Geringschätzung kombiniert mit schlechterer Schulausstattung, schlechterer Bezahlung, schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten und höherer Unterrichtsverpflichtung hält in der Tat sehr viele Männer davon ab, in die Grundschule zu gehen. Sie haben ja materiell attraktivere Möglichkeiten, die zudem ein besseres Image haben.
Fazit: Gesellschaft und Bildungspolitik halten die Männer „erfolgreich“ von den Grundschulen fern !
Das Problem der fehlenden Männer an Grundschulen weist jedoch auf ein viel weitergehendes , grundlegendes Problem hin - und es wird Zeit dies endlich zu erkennen. Grundschulen, ihre SchülerInnen und PädagogInnen werden im Vergleich zu anderen Schulstufen strukturell benachteiligt. Materiell bezüglich Ausstattung, Unterrichtsverpflichtung, Vergütung und Funktionsstellen, ideell bezüglich Image , Ausbildung und Bewertung.


Was tun ?

Eigentlich ist alles ganz einfach : die gesellschaftliche Diskreditierung des Lehrerberufs allgemein , die Benachteiligung von Grundschulen und Grundschulpädagogen und auch die Geringschätzung von männlichen Grundschullehrkräften muss beendet werden ( - aber nicht auf Kosten der Lehrkräfte anderer Schulstufen).
Grundsätzlich ist eine strukturelle Umsteuerung in der Bildungspolitik notwendig, der Grundschulbereich muss aufgewertet und auch finanziell erheblich besser ausgestattet werden als bisher.
Aber es gibt auch viele Zwischenschritte, die relativ zügig umgesetzt werden sollten:

  • die Ausgangsbezahlung aller Lehrkräfte ist unabhängig von der Schulstufe grundsätzlich gleich auf A13 bzw. BAT II a festzusetzen,
  • das Stundendeputat für Grundschullehrkräfte muss orientiert an den höheren Schulstufen deutlich gesenkt werden,
  • die Vergütung für SchulleiterInnen und KonrektorInnen muss den anderen Schulstufen angepasst werden,
  • auch an Grundschulen müssen Beförderungsstellen analog zu den anderen Schulstufen eingerichtet werden,
  • die Ausbildungsdauer für Lehrkräfte aller Schulstufen ist einheitlich zu gestalten, ohne Abwertung einzelner Schulstufen oder –formen .

Wenn diese notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden, wird die gesellschaftliche Achtung der Lehrerarbeit an Grundschulen zunehmen und auch die Zahl der männlichen Lehrkräfte in Grundschulen sicher bald steigen.

Hajo Kuckero Grundschullehrer
Vorsitzender Personalrat Schulen in Bremen

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