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16.07.2007 Warum das Rad neu erfinden

Bremerhaven will Rotationsmodell erweitern
von Barbara Leysieffer
Bei der Vorstellung der Praxisphase nach Klasse 8 herrschte erst mal Verwirrung. Wie das denn aussehe. Bis klar war, dass man – anders als an den Modellschulen in Hamburg – im Land Bremen auch mit einem Tag pro Woche im Betrieb zufrieden ist. `Jetzt kann ich mir das vorstellen´, war die Reaktion seitens der KontaktlehrerInnen.
In Bremerhaven gibt es nämlich so was schon: das sogenannte Freitagspraktikum, u.a. im Rahmen des Werkstatttages. In Klasse 9 oder 10 gehen alle H-Schüler freitags für ein Vierteljahr in einen Betrieb und für zwei weitere Quartale an jeweils eine andere der drei Berufsschulen.
Zwar soll die Praxisphase zukünftig nicht ein Quartal, sondern ein Jahr dauern (mind. 40 Tage), zwar sind auch in Bremerhaven viele Betriebe bereit Praktikanten zu nehmen. „Doch viele sagen schon im Vorfeld ganz klar, dass es keine Chance auf eine anschließende Übernahme in ein Ausbildungsverhältnis gibt – z.B. weil sie dafür sowieso nur Realschüler nehmen“, so Dierk Buscher, stellvertretender Schulleiter an der Wilhelm-Raabe-Schule, der die Praxisphase für Bremerhaven organisiert und dabei bereits viel Überzeugungsarbeit bei den Betrieben hat leisten müssen. Angesichts dieser Einschränkung scheint es in Bremerhaven nicht sinnvoll zu sein, die Schüler ganzjährig in einen Betrieb zu schicken, der sie danach garantiert nicht übernimmt. Wenn die Schüler rotieren, „hat das den Vorzug“, so Dierk Buscher, „dass sie sich in mehreren Bereichen ausprobieren können.“
Das hieße, dass der wöchentliche Praktikumstag nur ein halbes Jahr dauert und die SchülerInnen in der anderen Jahreshälfte an eine (oder zwei) Berufsschule(n) gehen oder aber in eine speziell dafür ausgestattete Werkstatt.
Doch müsste man nicht dazu das in den letzten Jahren von 10 auf 5 Berufsprofile halbierte (!) Freitagsangebot der Berufsschulen wieder ausweiten? Zumal auch die Sonderschüler mit einbezogen werden sollen. Zwar sind zwei schuleigene Werkstätten geplant - die eine im Norden an der JGS(Johann-Gutenberg-Schule), die andere an der IKS (Immanuel-Kant-Schule) im Süden der Stadt, jeweils unterrichtet von einem Berufsschullehrer – doch scheinen diese vom Profil her – Holz bzw. Metall - eher auf Jungen zugeschnitten als auf Mädchen.

Seitenabschnitte:
An der IKS Lernfeld für jeden Jahrgang
Erfahrungslernen
Raus aus der Scheinwelt Schule
Kontext Berufsschule
Die Zeit drängt

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An der IKS Lernfeld für jeden Jahrgang

Wie stehen die Lehrkräfte zu dem, was auf sie zukommt? Ich bin mit Vera Ahlgrim verabredet, Hauptschullehrerin und Fachbereichsleiterin für Arbeitslehre – jetzt umbenannt in WAT – und für Berufsorientierung an der IKS, einem Sek. I-Zentrum ohne Gy-Zweig.
Die IKS wurde letztes Jahr mit dem Qualitätssiegel für vorbildliche Berufsorientierung ihrer SchülerInnen ausgezeichnet. Wie steht Vera zu WAT? Hält sie den Lehrplan auch für zu kopflastig? Bislang, so erzählt sie, wurde hier jedes praktische Arbeitslehrefach noch fachspezifisch unterrichtet. Doch seit der Einführung der Sekundarschule vor drei Jahren gibt es an der IKS für jeden Jahrgang ein gemeinsames fächerübergreifendes Lernfeld - was dem WAT-Unterricht vielfältige praktische Bezüge beschert.
In der 5. Klasse der Sekundarschule heißt das Lernfeld `Fit und gesund´ und im 1. Halbjahr geht es in WAT um Bedürfnisse: Welche Bedürfnisse gibt es, was brauche ich überhaupt zum Leben, wozu arbeiten wir eigentlich? „Das ist schon sehr theoretisch.“
In den zugeordneten Arbeitslehrefächern, in denen die Klasse geteilt und jeweils halbjährlich unterrichtet wird – Hauswirtschaft, Textilarbeit, Technik - , werden im ersten Vierteljahr jeweils Grundlagen gelegt und im zweiten Vierteljahr steht das Lernfeld im Mittelpunkt.
Beim Thema `Fit und gesund´ sind zudem auch die Naturwissenschaften und Sport eingebunden. Fachliche Unterstützung leisten Ernährunsberaterinnen der AOK. Erste berufliche Orientierung findet in einer Bäckerei statt.
Im 6. Sekundarschuljahr steht die `Fließfertigung´ auf dem Plan. In WAT werden die theoretischen Grundlagen erarbeitet und diese zum Schluss bei der Herstellung eines Fangballspieles umgesetzt. In Technik werden auf diese Weise kleine Garderoben gefertigt, in Textilarbeit Kissenbezüge produziert.

Erfahrungslernen

Dabei machen SchülerInnen ganz persönliche Erfahrungen, wenn sie von der Einzelfertigung zur – deutlich effizienteren – Fließfertigung übergehen:„Das ist aber langweilig. Jetzt hab´ ich das lang genug gemacht.“
In der 7. Jahrgangsstufe geht es um Entstehung und Wandel von Berufen - `Familienarbeit wird Berufsarbeit´: um die Verlagerung sozialer Leistungen, die traditionell innerhalb der Familie erbracht wurden, in die Berufswelt. Im Zentrum stehen soziale Berufe wie z.B. die Arbeit mit Behinderten. An der IKS liegt dieses Thema nahe, da es hier in den Jahrgängen 5 – 10 Kooperationsklassen mit SchülerInnen der Anne-Frank-Schule gibt. (Die Anne-Frank-Schule unterrichtet geistig behinderte Kinder – z. T. an verschiedenen Sek.I-Schulstandorten der Stadt Bremerhaven.)
„Im achten Jahrgang kommen dann konkrete Berufsorientierungsmaßnahmen wie das erste Praktikum und der Gang zum BIZ.“ Doch gerade wurden aus einer 8. H-Klasse (der letzte Jahrgang nach altem Modell) mehrere Schüler vorzeitig von den Betrieben aus dem Praktikum zurückgeschickt. Warum? „Na, weil sie nicht regelmäßig hingingen, keine Lust hatten oder wegen Unzuverlässigkeit zurückgeschickt wurden. Diese Schüler sind weder für ein Blockpraktikum noch für einen ganzjährigen Betriebspraktikumstag vermittelbar, weil sie gar nicht genügend sozialisiert sind.“

Raus aus der Scheinwelt Schule

Ende 8 wird die Sekundarschulklasse aufgelöst, da die Hauptschüler dann einen Tag pro Woche raus aus der Schule gehen. Man will sie ausbildungsreif machen. Doch inwieweit löst dies die Probleme der verhaltensauffälligen SchülerInnen, die sich in keinen Betrieb einpassen? Als das Praktikum neu eingeführt wurde, waren Hauptschüler leichter dafür zu motivieren. Doch der Reiz des Neuen ist vorbei. Stattdessen herrscht untergründig bei vielen Resignation. Wer von der Zukunft nicht viel zu erwarten hat, der schiebt die Entscheidung lieber noch hinaus...
Die hohe Rückläuferquote aus dem Praktikum der jetzigen H 8-Klassen lässt Vera momentan am Erfolg eines halbjährigen Praktikumtages für alle Schüler zweifeln, obwohl das Modell bislang funktioniert.
Auch jetzt schon werden die (H-)Schüler ab Klasse 8 kontinuierlich mit der Berufswahlfrage konfrontiert. „Das Problem besteht nicht darin sich praxisbezogenen Unterricht auszudenken, sondern darin, unangepasste SchülerInnen so weit zu bringen, dass sie sich überhaupt darauf einlassen und vermittelbar sind.“
Gehen diese SchülerInnen an eine schuleigene Werkstatt, landen sie wieder in Schule. Doch wichtig ist, dass jeder Schüler, jede Schülerin auch rauskommt aus der Scheinwelt Schule, raus aus der schulklassenspezifischen Eigendynamik.

Kontext Berufsschule

„Um es klar zu sagen: Auch Berufsschule ist Schule, zwar in einer Werkstatt, doch nicht in einem Betrieb, es ist nicht der Ernstfall, bestenfalls dessen Simulation, auch da unterrichtet ein Pädagoge.“ Allerdings: Der ungewohnte Ort, die konkrete Ausstattung, die berufsrealitätsnahen Umgangsformen, der entsprechend resolute Umgangston der BerufsschulkollegInnen zeigen Wirkung. „Die Kollegen dort haben ein anderes Auftreten, einen ganz anderen Ton, sind anderes gewohnt: Sind sie mit dem Verhalten eines Auszubildenden nicht zufrieden, beschweren sie sich beim Betrieb – damit können sie Druck ausüben, denn der Betrieb kann dem Betreffenden kündigen - während wir in der
allgemeinbildenden Schule natürlich nicht den Eltern androhen können, dass sie ihr Kind wegen schlechten Benehmens aus der Schule zurücknehmen.“
Als besonders wirksam habe sich erwiesen, dass die Schüler nicht im Klassenverband an die Berufsschulen geschickt, sondern individuell zugeordnet werden. „Die Resonanz für die, die sich in der Klasse durch Störungen profilieren, ist erst mal weg. Und da sie nach einem Vierteljahr die Berufsschule wechseln, fehlt ihnen die Zeit dort ähnliche Strukturen aufzubauen.“

Die Zeit drängt

Viele Details sind noch zu klären. Ein Jahr ist noch Zeit, doch die zielgerichtete Beratung der Achtklässler und ihrer Eltern soll im September beginnen, jede Schule ein eigenes Umsetzungskonzept entwickeln (s. den 8seitigen Entwurf vom 22. 05. 07 plus zwei Seiten Verlaufsplan für Klasse 8) – gemeinsam mit Kooperationspartnern. (?)
Inwieweit das im Aufbau befindliche Sekundarschulkonzept für alle Bremerhavener Sek.I-Schulen gültig bleibt, ist allerdings seit den Wahlen im Mai wieder offen – eine vierte Gesamtschule soll entstehen. Diese wiederum sind nicht auf das Praxisphasenmodell verpflichtet.

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