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16.10.2006 „Wie geht es euch?“

von Prof. Hans-Georg Schönwälder
Zusammenfassung der Auswertung einer Lehrerbefragung zur Arbeitsbelastung in den Schulen am 1.Juni 2006 im Pier 2 auf der Personalversammlung der Lehrkräfte Bremens

 Wie_geht_es_euch.pdf
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1. Die Gruppe der Antwortenden

744 Fragebogen der Befragung am 1.6.2006 konnten ausgewertet werden. In einer ganzen Reihe fehlten Angaben zur Person wie Dienstalter, Unterrichtspflichtstunden etc.
Mit rd. 69% bildeten die Lehrerinnen die Mehrheit der Antwortenden; 27% waren Männer und 4% machten keine Angaben.
57% der Antwortenden kam aus der Primarstufe, Förderzentren u. Sek I, die übrigen aus der Sek II
Aus den Belastungsangaben zur Frage 1 bis 6 wurde je Fragebogen ein Gesamtbelastungswert pro Person ermittelt und klassifiziert.
Mit 5 der 6 Fragen 7 bis 12 wurde nicht nach Belastung, sondern nach Zustimmung zu verschiedenen senatorischen Maßnahmen gefragt. Auch dafür wurde ein Gesamtwert ermittelt.

2. Ergebnisübersicht und erste Interpretation

Für 62% der Antwortenden ergab sich eine generell sehr hohe bzw. hohe Belastung (26%, 36%) Addiert man alle Angabe für ´belastet´, sind es 86% aller Befragte, die sich als belastet erleben.
Bei der Bewertung der senatorischen Maßnahmen sieht es eigentlich fast noch schlimmer aus. Nicht die Zustimmung dazu, sondern die Ablehnung überwiegt!
Zwar äußern sich nur knapp 4% durchgehend ablehnend. Aber 29% akzeptieren den Sinn der gegenwärtigen Lenkungsmaßnahmen klar nicht. Addiert man auch die moderater nein Sagenden, dann weigern sich 77% mehr oder weniger eindeutig, die Maßnahmen der senatorischen Behörde als sinnvoll anzuerkennen. Hier steht Lehrererfahrung gegen illusionären Politikwunsch.


Seitenabschnitte:
1. Die Gruppe der Antwortenden
2. Ergebnisübersicht und erste Interpretation
3. Einige Einzelergebnisse
4. Diskrepanz zwischen Dienstherr und Bediensteten
5. Allgemeine Schlussfolgerungen

3. Einige Einzelergebnisse

Die sechs aufgeführten Belastungsfaktoren der ersten 6 Fragen können in eine Rangliste gebracht werden. In keinem Fall kommen Belastungsangaben unter 60% (26% sehr hoch, 35% hoch belastet) für beide Ausprägungen zusammen. Den niedrigsten Rangplatz nimmt die Korrekturbelastung (38% sehr hoch + 25% hoch) ein, den höchsten mit 87% (69%+18%) die Belastung durch auffällige einzelne Schüler. Dem folgt mit 83% (51%+31%) die – zusätzliche - Mitarbeit an Schulinnovationen. Mit 80% (58%+22%) schlagen grosse Klassen als Belastung zu Buche, mit 75% (42%+33%) Belastung die durch zusätzliche behördliche Aufgaben entstehen. 72% (47%+25%) Belastung durch Schullärm.
Dazu muss bedacht werden, dass Ausreden für die Behörde nahe liegen. Einzelne nervende Schüler wird es immer geben ebenso Lärm in der Schule. Für alles sind nicht allein große - zu große - Klassen verantwortlich, obwohl die auch. Je größer die Klassen desto höher die Wahrscheinlichkeit gleich mehrere Nervensägen anzutreffen. Je mehr Schüler in einer Klasse, desto wahrscheinlicher auch höherer Schallpegel. All das trifft auf überlastete und gestresste LehrerInnen. Daraus bildet sich ein Teufelskreis von Belastungsgründen und Belastungsempfänglichkeit, der zur Auflösung einer Gegensteuerung an mehreren Stellen bedarf. Die Schulbehörden scheinen am Gegenteil zu arbeiten.
Ganz allgemein ist es die Mitarbeit an schulinterner Innovation, die als unabweisbare Zusatzbelastung zusammen mit zusätzlichen Aufgaben weit verbreitet belastet. Damit sind sie als besonders neuralgische Punkte explizit benannt. Weitere könnte der Personalrat sicherlich ergänzen.

4. Diskrepanz zwischen Dienstherr und Bediensteten

Man kann manchem, was die Behörde verlangt, einigen Sinn abgewinnen. Insgesamt stoßen jedoch alle mit den Fragen 7 bis 12 angesprochenen Sachverhalte auf Opposition. Mit 67% sehen sich fast 2/3 der Antwortenden in ihrer Arbeit durch die Behörde eindeutig nicht geachtet. Nimmt man die als etwas gemäßigter ablehnende Gruppe hinzu, sind es über 80%!
82% erkennen in den Pausen keinen Erholungswert. Wie in einer anderen Untersuchung unseres Instituts sogar gemessen, ist die gesamte Anwesenheitszeit am Vormittag als hochintensive Arbeitszeit anzusehen. Es geht pausenlos bis zu Erschöpfung.
Wieder etwa 2/3 der Befragten bezweifeln den Sinn der verordneten und kontrollierten Fortbildungspflicht. Doch Einsicht in die Fortbildungsnotwendigkeit muss unterstellt werden. Darauf verweist der hohe Anteil der Unentschiedenen.
Die Fragen nach der Ursache von Berufszufriedenheit verdienen besondere Aufmerksamkeit. Wer sich etwas schön denken will, kann meinen, es sei nicht weiter schlimm, wenn rd. 32% der Befragten in der Arbeit mit Schülern keine Quelle beruflicher Zufriedenheit erlebt. Da sind ja noch die anderen ! Aber auch da ist Fehlanzeige zu angesagt. 42% gehören zur Gruppe der Unentschiedenen und nur sage und schreibe 25% erleben die Arbeit mit den Schülern als Quelle ihrer beruflichen Zufriedenheit.
Selbst dazu könnte man sich Ausflüchte einfallen lassen. Aber....das hat nicht immer so ausgesehen. Aus unseren Befragungen bis zum Jahre 2000 mit der gleichen Frage erlebten 67% der 1242 Befragten die Arbeit mit den Schülern als Quelle ihrer Berufszufriedenheit; 30% wenigstens zum Teil und unter 1% konnten der Frage nichts abgewinnen.
Dass es gerade mal um 25% sind, die im Juni 2006 von sich angeben, die Arbeit mit ihren Schülern bilde für sie die Quelle von Zufriedenheit, ist schon ziemlich ärmlich. Man könnte auch sagen, 25% der Lehrerschaft sind als Lokomotive zu wenige und sie werden auch bald verschlissen sein.
Nebenbei, auch hier greift die Vermutung nicht, es seien vor allem die Jüngeren, die W.L. `s Erwartungen erfüllen.
Gleichartiges aber noch deutlicher trifft mit der Stellungnahme zu der Behauptung zu Tage, der Gestaltungsspielraum an der Schule führe zu beruflicher Zufriedenheit. Es sind 2006: 28%, die das eindeutig ablehnen. 2000 waren es 11%. Etwas verhaltener sich ablehnend Äußernde: 2006:23% im Jahre 2000: 2%. Nur 23% nur ficht 2006 anscheinend nichts an. Sie sehen in dem Gestaltungsfreiraum an der Schule eine Quelle ihrer beruflichen Zufriedenheit. Doch 2000 waren es 87% ! Die Abnahme der Zustimmung hat allerdings auch eine reale Basis. Die Lehrerschaft fühlt sich in ihrer Mehrheit offensichtlich gegängelt – und das unsachgemäß dazu. Über 50% (31%+23%) erkennen bei sich das Gefühl nachlassender Leistungsfähigkeit. Dieses tritt ausdrücklich bejaht bei den höheren Dienstaltersstufen häufiger (51%) auf als bei den unteren (28% bis 34%), ist also auch bei den Jüngeren keineswegs selten anzutreffen. (2000 waren es nur 17%, die das eindeutig für sich so sahen und 43%, die das als etwas zutreffend konstatierten.)

Seitenabschnitte:
1. Die Gruppe der Antwortenden
2. Ergebnisübersicht und erste Interpretation
3. Einige Einzelergebnisse
4. Diskrepanz zwischen Dienstherr und Bediensteten
5. Allgemeine Schlussfolgerungen

5. Allgemeine Schlussfolgerungen

Die Antwortverteilungen sollten ernst genommen werden. Niemand hat so viele Aussagen von den Professionals vor Ort wie der Personalrat.

Die Befragung zeigt ein erschreckendes Bild der Belastung durch pädagogische Arbeit in der Schule. Bemerkenswert ist die verbreitete Ähnlichkeit der Antwortverteilungen in allen Lehrergruppen. Die Befragung spiegelt die Arbeitssituation der Lehrerschaft Bremens – und vielleicht darüber hinaus. Einzelne Unterschiede gibt es natürlich dennoch.

Insbesondere die Verteilung der Belastungsangaben nach Dienstaltersgruppen belegt, dass es keine Einheitlichkeit in der Belastbarkeit durch alle Altersgruppen gibt. Im Gegenteil, je höher das Dienstalter, desto häufiger die hohen Belastungsangaben. Die Aufhebung der Altersermäßigung bei den Unterrichtsverpflichtungen ist ein Fehler!

Der vielfach angenommene Zusammenhang von Belastungsangaben und Umfang der Unterrichtspflicht ist nur vereinzelt aufzufinden. Die Unterrichtspflichtstundenzahl ist nicht die Führungsgröße für die Arbeitsbelastung im Lehrerberuf. Es gibt weitere und andere Gründe für die Arbeitsüberlastung im Lehrerberuf. Einige zusätzliche – ohne Minderung der Überlastungswirksamkeit der schon vorhandenen - sind mit dem Fragebogen unter Schulinnovation und andere zusätzliche Aufgaben thematisiert worden. Weitere wären sicher hinzuzufügen.

Die Antworten zu den Fragen 7 bis 12 belegen eine kompakte und nahezu einmütige Ablehnung der aktuellen Eingriffspolitik des Senators durch die Lehrerschaft. Es besteht eine mit Händen zu greifende Diskrepanz zwischen den Erwartungen an die Wirksamkeit behördlicher Vorgaben und der wahrgenommenen Arbeitsrealität vor Ort.

Unzufriedenheit im Beruf ist bekanntermaßen unproduktiv oder contraproduktiv. Der Senator – und die KMK - haben sehr viel dazu beigetragen, dass in Bremen – vermutlich nicht nur hier - eine derartige Stimmungslage aufgekommen ist.

Der Senator hat die produktive Motivationspotenz in Bremens Schule sträflich gemindert oder mindern lassen. Er treibt eine Politik der Konfrontation gegenüber der Lehrerschaft statt sein Handeln auf den Nutzen der Klientel der Schule, ihrer Schüler also, auszurichten.

Nicht die Schulleistung, d.h. die Leistung der Schule für die Schüler, scheint im Mittelpunkt behördlicher Lenkungsversuche zu stehen, sondern eine Ausrichtung an schulfremden Kriterien bis zu fast devoter Rücksicht auf ideologisch orientierte Parteigläubigkeit eines Koalitionspartners.

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