| Störungen haben Vorrang. Diese Maxime hilft mir auf dem Teppich zu bleiben. Wenn ein Schüler den Unterricht stört, ist es falsch, das nicht zu bemerken. Wenn ich das Gefühl habe, die Schüler haben den Stoff nicht wirklich aufgenommen und verstanden oder irgendwas zwischen mir und der Klasse stimmt nicht, dann – so habe ich nach und nach gelernt – ist es das beste, das Ernst zu nehmen, ev. sogar ausdrücklich zum Thema zu machen.
Behördenhimmel voller Phrasen
Das Füllhorn neuer Verordnungen und Zusatzaufgaben, das sich momentan seitens der Behörde über uns ergießt, erzwingt einen Teil meiner Aufmerksamkeit und lenkt mich von meinem Unterricht ab. Wir schreiben Berichte, füllen Zettel aus und arbeiten aufoktroyierte Schulentwicklungsfragen ab - zusätzlich zu dem, was sowieso anliegt. Dementsprechend sind unsere akustischen Reaktionen.
Dicke Luft
Was wir zur Zeit gut weitergeben können an die Schüler, das ist Druck. Die Papierform mag schick aussehen – doch wirksame Verbesserungen entstanden bislang anders: aus der Eigeninitiative der an Schule unmittelbar Beteiligten, gespeist aus den (Miss-)Erfolgen eigenen Tuns. Bremerhaven hätte nicht drei Gesamtschulen, wenn die Lehrerschaft nicht selbst dafür gekämpft hätte. Und auch Bremerhavens einziges durchgängiges Gymnasium entstand nicht zufällig an der `Pesta´, sondern weil das dortige Kollegium sich jahrelang darum bemühte. Die Entstehung der Astrid-Lindgren- Grundschule als Ganztagsschule und die Entwicklung der Immanuel-Kant-Schule – einer Schule mit besonders hohem Migrantenanteil - zur stadtteilorientierten Betreuungs- und jetzt Ganztagsschule wären ohne das Engagement des jeweiligen Kollegiums nicht denkbar. Jahrelange intensive Diskussionen stecken dahinter, unzählige Arbeits- und Planungssitzungen – mit heftigen internen Auseinandersetzungen! – doch eben kein detailliertes Schul- Vorschreibprogramm wie neuerdings. Die Behörde gab nur rotes bzw. grünes Licht.
Frischluft kommt woanders her
Dass wir jetzt tun m ü s s e n, was wir bislang aus freien Stücken taten, ist die eigentliche Störung des Schulklimas. Sie lenkt uns davon ab, das zu thematisieren, was wir tatsächlich als qualitätszerstörend erleben - und daran zu arbeiten. Sie hindert uns daran, uns mit uns selbst, unseren eigenen Intentionen, Ansprüchen und Möglichkeiten auseinander zu setzen. Ein/e SchulleiterIn, der/die heute eine bestimmte Veränderung durchsetzen möchte, erscheint – trotz des gesetzlich verordneten Machtzuwachses – doch jetzt erst mal als Marionette der Behörde, nicht aber als jemand, der aus eigenem Erleben und persönlicher Überzeugung handelt, und auch KollegInnen, die sich engagieren, sind in Gefahr als folgsame Behördenvollstrecker wahrgenommen zu werden, statt als eigeninitiativ Handelnde.
Wie komme ich auf den Teppich meiner Möglichkeiten...
Erste Erfahrungen zeigen mir, wie die von oben angezettelten Zusatzaufträge ins Leere laufen, wenn auch nur eine reelle Voraussetzung fehlt – wie etwa ein Seminar zur Verbesserung des Zeitmanagments, das auch mit dem besten Referenten keinen Erfolg haben kann, wenn man bei Anweisung von Zusatzaufgaben nichts findet, was man wegrationalisieren darf - oder auch zeitraubende Absprachen über Formalien, die anschließend unterlaufen werden, weil es (angeblich, wirklich?) eine neue Sachlage, neue Gründe gibt – oder stundenlange Besprechungen zur Schulentwicklung, Kernsätze, schön zu Papier gebracht und von der Konferenz abgesegnet – die mit meinem eigenen Unterricht aber nur abstrakt zu tun haben, da diese Festschreibungen vom Orientierungsbedürfnis der Behörde diktiert sind, nicht von meinem bzw. dem des Kollegiums.... Was mich auch ärgert, ist der Hinweis, die vermehrte Kontrolle sei nötig um faule Kollegen zur Arbeit ranzukriegen. Worauf soll das denn nun meinen Blick lenken?
...und bleibe dort, bis er abhebt?
Wir brauchen kein institutionalisiertes Misstrauen, sondern tatsächliche Wertschätzung unserer Arbeit und einen verlässlichen Rahmen zum Eröffnen realer Verbesserungschancen. Doch davon sehe ich nichts. So klingelt jetzt bei jedem Appell sich zu engagieren, bei mir die Alarmglocke. `Tu´s lieber nicht´, raunt mir meine im Zeitmanagementseminar sensibilisierte innere Stimme zu, `das dient doch nur dazu, dass die Schule nach außen besser dasteht.´ Dass die Behörde die wirklichen Probleme einer Schule lieber nicht wahrnimmt, konnten wir doch gerade wieder bundesweit an der Rütli-Schule in Berlin beobachten. D.h. das, was ich da zusätzlich tun soll, zieht nur Energie ab vom Eigentlichen – und das ist für mich – t r o t z der Behördenvorgabe, dass das ja eigentlich auch so sein s o l l – ja was war das denn noch? Ach so, mein Unterricht.
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