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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ November 2006 16.11.2006 Wollen wir wirklich mehr Kinder? | ||||||
| 16.11.2006 Wollen wir wirklich mehr Kinder? | ||||||
| Anspruch und Wirklichkeit von Bildung und Erziehung im Vorschulbereich von Claudia Bernhard | ![]() Vorstandssprecherin des Gesamtelternbeirats KiTa Bremen Vorstandsmitglied in der Zentralen Elternvertretung ZEV | |||||||||||||||||
| Gerade zur Zeit erscheint unsere Gesellschaft alles andere als kinderfreundlich. Die Zeiten sind beinhart, gerade für Kinder und erst recht für die aus den sogenannten sozial schwachen Familien. Sie haben am stärksten zu leiden unter den aktuellen Bedingungen von Arbeitsplatzabbau, steigender Armut und einer immer größer werdenden sozialen Schere. Und sie leiden unter einer rigorosen Sparpolitik, dabei gilt der Grundsatz, je kleiner die Kinder desto weniger Geld wird in die Hand genommen. Schwer zu begreifen, selbst unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten, denn was am Anfang versäumt wird, ist später erst wieder unter größten Anstrengungen aufzufangen, wenn es überhaupt gelingt. |
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| Was wir brauchen | ||||||||||||||||||
| Die Familien bzw. die Eltern aber wünschen sich schon länger ein verantwortlicheres Bildungs- und Sozialsystem, sie wünschen sich einen Staat, der Kinder und Jugendlichen wieder in die Spitze der politischen Agenda setzt, der von unten her denkt und handelt. Wir brauchen eine breit angelegte Investition in Kinder. Wir brauchen Ganztagsplätze und Ganztagsschulen, mit Blick auf die sozial schwierigen Zusammenhänge, in denen Kinder aufwachsen, auch mit Blick auf die Kinder aus Migrantenfamilien. Und wir brauchen diesen Ausbau, um den Anspruch auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerecht zu werden, dem nach wie vor hauptsächlich die Frauen hinterher jagen. Die Forderungen aus Elternsicht in bezug auf die Rahmenbedingungen in den Kindergärten und Horten sind somit ganz einfach, seit Jahren reden sich die ElternvertreterInnen den Mund fusselig: Wir fordern für alle die Möglichkeit einer Ganztagsbetreuung, von Anfang an und bei Bedarf auch bis zum Alter von 12 Jahren, inklusive einer durchgängigen Ferienbetreuung unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern und das auf der Grundlage einer qualitativen und quantitativen hochwertigen Ausstattung, d.h. mit mindestens zwei Fachkräften für eine Gruppe von 20 Kindern und zusätzliches sprachpädagogisches Personal für jede Einrichtung. Wir fordern auch die Wiederherstellung der Integration in allen Kindergärten und nicht nur in den „Schwerpunkteinrichtungen“. Die Liste ist mitnichten vollständig, aber es wäre ein Anfang. Das kostet Geld und es wird nicht alle Probleme lösen, aber es wäre eine Entwicklung, die langfristig denkt und auf die Zukunft ausgerichtet ist. Und viele Folgeerscheinungen die durch Sprachschwierigkeiten, Ausgrenzung und Isolation entstehen, würden von vornherein verhindert werden. | ||||||||||||||||||
| Die Lage in den Kitas | ||||||||||||||||||
| Passiert ist genau das Gegenteil, schwerpunktmäßig in den städtischen Kindergärten sind Ganztagsplätze zu Hunderten unter Hinweis auf die demographische Entwicklung abgebaut worden, gleichzeitig wurden dann noch die Beiträge erhöht. Ein fataler Fehler, den Sparmaßnahmen geschuldet, denn gerade in den städtischen Einrichtungen sind ein großer Teil der Kinder, die es bitter nötig haben. Gestrichen wurde diese Plätze, da die Vergabe der Ganztagsbetreuung ausschließlich wie eben auch die Ferienbetreuung an die Berufstätigkeit der Eltern gebunden ist. Betreuung über vier Stunden hinaus hängt am Arbeitsplatz, d.h. die Ausgrenzung der Eltern wird an die Kinder weitergegeben. Und damit kommen wir zu einem weiteren Punkt der Rahmenbedingungen, die notwendig sind, wenn wir die Zukunft der vorschulischen Phase in den Blick nehmen. | ||||||||||||||||||
| Reaktionen auf PISA | ||||||||||||||||||
| Die Kindergartenzeit ist nicht zuletzt durch PISA als bildungsrelevant in den Fokus des Interesses gerückt. Positiv daran ist, dass der „Vorschulzeit“ endlich mehr Bedeutung für den Entwicklungsprozess der Kinder eingeräumt wird. Bislang wurde der Kindergarten als reine „Spieletappe“ vor der Schule wenig ernstgenommen. Grundfalsch wäre es aber, die Maßstäbe der Schulen mit ihren Lehrplänen und deren Auffassung von Bildung auf die 3-6 Jährigen herunter zu brechen. Dabei war es bisher nicht so, als hätten die Kindergartenkinder nichts „gelernt“, sondern „nur“ gespielt. Lernen ist ein ganzheitlicher Prozess. Der „Rahmenplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich“, der seit 2004 vorliegt, unterstreicht, dass „Bildung zur Entwicklung autonomer, selbstbewusster Individuen beitragen soll“, und dass Bildung in aktiver Aneignung entsteht und Bildungsprozesse als soziale Prozesse zu verstehen sind. Dieser Leitgedanke, der hier festgeschrieben wurde, ist ja kein neuer Gedanke in der pädagogischen Arbeit. Diese Herangehensweise ermöglicht es Kindern schon länger sich eine seelische und geistige Basis zu schaffen, um dann in die Grundschule zu gehen und dort auch zu bestehen. Das muss auch weiterhin unterstützt und weiterentwickelt werden. Das heißt aber auch, dass die Ansprüche an die Einrichtungen steigen, die Ressourcen dafür werden allerdings eingefroren bzw. beschnitten. Das ist nicht nur kurzsichtig, sondern auch verantwortungslos. Auch wenn es nicht dem Trend entspricht, wir können Kinder nicht nur unter Verwertungsaspekten, die der Arbeitsmarkt vorschreibt, klassifizieren. Wenige fördern, und viele durch den Rost fallen lassen. In Bezug auf Selektion gehen die Schulen bereits mit schlechtem Beispiel voran. Was Kinder wollen und brauchen gerät aus dem Blick. Wir sollten sie ernst nehmen, und ihnen Platz und Zeit zugestehen. Das ist weder einfach noch billig, denn sie brauchen vor allem eins: eine gute Grundlage, und damit kann man gar nicht früh genug anfangen. | ||||||||||||||||||