|
Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Oktober 2006 16.10.2006 Coca-Cola-Boycott | ||||||
| 16.10.2006 Coca-Cola-Boycott | ||||||
| von Stefan Schaaf | ![]() | |||||||||
| Coca-Cola-Boykott Stefan Schaaf Vielen Studenten in den USA ist die Lust auf Coca-Cola schon länger vergangen. An derzeit 23 Universitäten werden die Produkte des Softdrink-Konzerns aus Atlanta nicht mehr verkauft. Hochschulen in Großbritannien, Irland und Kanada haben sich dem Boykott angeschlossen. Auch der Stadtrat von Turin, wo Coca-Cola die Olympischen Winterspiele mit etwa 10 Millionen US-Dollar (8 Mio. Euro) als Sponsor unterstützte, verbannte die Limonaden des Herstellers aus den städtischen Kantinen. Der Fackellauf zur Eröffnung der Spiele wurde von Protestkundgebungen gegen Coca-Cola begleitet. An deutschen Universitäten regt sich bislang wenig, trotz der intensiven Aufklärungsarbeit der Kolumbienkampagne. Der Kreis von etwa zehn Aktiven informiert seit sechs Jahren über die Unterdrückung der bei Coca-Cola aktiven Gewerkschafter in dem südamerikanischen Land. Der Konzern wird beschuldigt, für die Ermordung von acht Gewerkschaftsmitgliedern durch Todesschwadronen in Kolumbien Mitverantwortung zu tragen. Er müsse dafür sorgen, dass diese Vorgänge von unabhängiger Seite untersucht werden, fordern Aktivisten, Stadträte und Universitätsleitungen weltweit. „In Italien war es sehr wichtig, dass die Metallarbeitergewerkschaft FIOM sich des Themas annahm und auch in die Gemeinderäte trug“, sagt der aus Kolumbien stammende Schriftsteller Raul Zelik, der in Berlin lebt und für die Kolumbienkampagne aktiv ist. Immerhin: An der Berliner Universität der Künste beschloss das Studentenparlament im Juli die Produkte des Coca-Cola Konzerns auf dem Campus „wegen massiver Anschuldigungen in Arbeits- und Menschenrechtsfragen“ zu boykottieren. Die Verwicklung in den Mord an Gewerkschaftern in Kolumbien - das ist ein heikler Vorwurf gegen einen der Hauptsponsoren der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Als die kolumbianische Nationalmannschaft am 2. Juni in Mönchengladbach zu einem Vorbereitungsspiel gegen die deutsche Auswahl antrat, wollten kirchliche Gruppen diese Gelegenheit für Öffentlichkeitsarbeit nutzen, sagt Zelik. Die Münchner Stadträtin Mechtild von Walter möchte nun dem Beispiel ihrer Turiner Kollegen folgen und auch in der bayrischen Landeshauptstadt ein Zeichen gegen den mächtigen Getränkehersteller setzen. Das beträfe nicht nur die braune Koffein-Limo, sondern auch andere Coca-Cola-Produkte wie Sprite oder Bonaqua. Die Münchner ÖDP-Politikerin ist nicht allein: Der ver.di-Bundesvorstand hat sich bereits 2003 der Kampagne gegen Coca-Cola angeschlossen und verzichtet bei eigenen Veranstaltungen und in der Kantine der Bundesverwaltung in Berlin auf Produkte des Unternehmens. Vor dem Weltwasserforum vom 16. bis 22. März in Mexiko haben sich Delegierte empört darüber gezeigt, dass Coca-Cola die Veranstaltung mitfinanziert hat. Wenn man darüber rede, wie mehr Menschen weltweit Zugang zu Trinkwasser erhalten können, müsse man über den verschwenderischen Umgang des US-Konzerns mit sauberem Wasser in Ländern wie Indien reden. „Das Unternehmen hat seine Abwässer unkontrolliert auf die Felder fließen lassen und den Boden und das Grundwasser verunreinigt“, sagt Amit Sirvastava von der indischen NGO Indian Resource Center. Der International Labor Rights Fund in den USA rief seine Unterstützer zu Protesten bei der Aktionärsversammlung von Coca Cola am 19. April in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware auf. Weltweit wächst der Unmut über die Allmacht des Konzerns, der in 200 Ländern der Erde tätig ist und im vergangenen Jahr 20 Milliarden Euro umsetzte und dabei vier Milliarden Euro Gewinn erzielte. Der Boykott habe bereits Einnahmeausfälle in zweistelliger Millionenhöhe verursacht, sagt Ray Rogers, Direktor der US-amerikanischen Campaign Against Killer Coke aus New York. „Coca-Cola und seine Lizenznehmer verfolgen international eine aggressive Unternehmensstrategie, die sich oft gegen die Belegschaften richtet. Der Mutterkonzern hat davon profitiert und die Repressionen nicht verhindert“, sagt Raul Zelik. Allein der im Dezember 2005 gekündigte Vertrag mit der University of Michigan hatte einen Wert von 1,4 Millionen US-Dollar. | links für aktuelle infos: www.kolumbienkampagne.de www.killercoke.org und die Sicht des Konzerns zu den Vorwürfen: www.cokefacts.org/index.shtml
| |||||||||
| Der Fall, der die internationale Kampagne auslöste, war nicht der erste Mord an Gewerkschaftern in Kolumbien: Am 5. Dezember 1996 drangen paramilitärische Bewaffnete in das für Coca-Cola tätige Abfüllunternehmen Bebidas y Alimentos in Carepa in Nordwestkolumbien ein. Sie fragten nach Isidro Segundo Gil Gil, den örtlichen Generalsekretär der Gewerkschaft Sinaltrainal. Sie organisiert die Beschäftigten in der kolumbianischen Lebensmittelindustrie. Der damals 36-jährige Gil hatte seit einigen Tagen mit der Geschäftsleitung über die Forderungen der Arbeiter nach Abschluss von Arbeitsverträgen verhandelt. Als sie ihn fanden, feuerte einer von ihnen mehrere Schüsse auf den Gewerkschaftler ab. Sein Arbeitskollege Luis Adolfo Cardona war Augenzeuge des Mordes. Er sagt, er sei auf Gil zugelaufen, während die Schüsse fielen. Gil lag am Boden, während der Attentäter auf einem Motorrad flüchtete. „Ich hob Gil auf, aber er war schon tot. Es war schrecklich.“ Cardona berichtet, er sei nur Stunden später von der gleichen paramilitärischen Truppe verschleppt worden und nur knapp mit dem Leben davongekommen. Er floh außer Landes und arbeitet heute in Chicago. Am Abend nach dem Mord an Gil wurde das Büro von Sinaltrainal in Carepa in Brand gesetzt. Am übernächsten Tag kamen die Paramilitärs erneut in die Abfüllfabrik, riefen die Arbeiter zusammen und stellten sie vor die Alternative, aus der Gewerkschaft auszutreten oder das gleiche Schicksal wie Gil zu riskieren. Die Gewerkschaft musste kapitulieren. Coca-Cola hatte bereits die Austrittsformulare vorbereitet, die die Mitglieder nur noch zu unterschreiben brauchten. Bis heute gab es keine Anklage gegen die Paramilitärs. Und der Terror reißt bis heute nicht ab: Am späten Abend des 17. August 2006 wurde Carlos Arturo Montes Bonilla, Mitglied der Gewerkschaften SINALTRAINAL und SINTRAHOCAR vor seinem Haus im Norden der Stadt Barrancabermeja ermordet. Er hinterlässt sieben Kinder und seine Frau María Elvia Àlvarez Delgado. Die großen Unternehmen in Kolumbien profitieren von der Gewalt gegen aktive Gewerkschafter. Diese leben gefährlich in dem südamerikanischen Land. Mehr als 1800 Gewerkschafter sind dort seit 1991 ermordet worden. Einschüchterung, Entführung, Vertreibung und Willkür prägen ihren Kampf in einem Land, das seit langem vom Bürgerkrieg zwischen linken Rebellengruppen und rechten Paramilitärs zerrissen wird. Das Land ist reich an Bodenschätzen, doch der Reichtum nützt nur einer dünnen Schicht, die sich in militärisch gesicherten Wohnvierteln verschanzt. 55 Prozent der Kolumbianer leben nach Angaben der Gewerkschaft in Armut, 20 Prozent in absolutem Elend. Die Gewerkschaften kämpfen angesichts dieser schwierigen Rahmenbedingungen um Einfluss. Von den etwa 10.000 Beschäftigten in den kolumbianischen Coca-Cola-Betrieben waren maximal 1000 Gewerkschaftsmitglieder, doch die Morde haben mehrere Hundert zum Austritt veranlasst. Umso bedeutsamer ist der Druck aus dem Ausland auf die in Kolumbien tätigen Konzerne. Dabei ist die Klage ein wichtiger Schritt, die Sinaltrainal mit Hilfe der US-Gewerkschaft United Steel Workers und des International Labor Rights Fund 2001 vor einem Gericht in Miami anstrengte. Dort soll bewiesen werden, dass Gils Arbeitgeber Bebidas y Alimentos mit den Paramilitärs bei der Zerschlagung der Gewerkschaft kooperiert hat. Die Kläger fordern deshalb eine Entschädigung. Bis heute ist das Verfahren anhängig, es gab lediglich im März 2003 die Entscheidung eines Richters, eine Anklage nur gegen die kolumbianischen Abfüllbetriebe zuzulassen und den Coca-Cola-Konzern selbst zu entlasten. Die Gewerkschaft geht hingegen davon aus, dass der Getränke-Konzern die volle Kontrolle über das Management der kolumbianischen Unternehmen ausübt. Der jüngste Schachzug von Coca-Cola angesichts der wachsenden Boykott-Bewegung war, von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO eine unabhängige Untersuchung der Praktiken in Kolumbien zu erbeten. Die US-amerikanischen Anwälte von Sinaltrainal warnen, sich davon nicht in die Irre führen zu lassen. Schon mehrfach habe der Konzern sich auf angeblich unabhängige Einschätzungen der Ereignisse berufen, die sich dann als Täuschung herausstellten. „Coca-Cola wird sich auf kein Verfahren einlassen, das es nicht kontrollieren kann“, heißt es in dem Statement der Anwälte. links für aktuelle infos: www.kolumbienkampagne.de www.killercoke.org und die Sicht des Konzerns zu den Vorwürfen: www.cokefacts.org/index.shtml | ||||||||||